Das Unbehagen der Technikforscherin

Das ganze Unbehagen, dass sich zurzeit bei mir einstellt, resultiert nicht zuletzt auf dem Pochen auf "den Einsatz moderner IT-Technolgie" und den sonstigen Umgang (und Kompetenzbeweis) in diesem Themenfeld. Man nehme zum Beispiel den Mitte August in Kraft getretenen "Hacker-Paragraphen" (Hervorhebung von mir):

§ 202c
Vorbereiten des Ausspähens und Abfangens von Daten

(1) Wer eine Straftat nach § 202a oder § 202b vorbereitet, indem er
1. Passwörter oder sonstige Sicherungscodes, die den Zugang zu Daten (§ 202a Abs. 2) ermöglichen, oder
2. Computerprogramme, deren Zweck die Begehung einer solchen Tat ist, herstellt, sich oder einem anderen verschafft, verkauft, einem anderen überlässt, verbreitet oder sonst zugänglich macht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft.

(2) § 149 Abs. 2 und 3 gilt entsprechend.


Das Problem ist nun, dass die hervorgehobene Formulierung derartig schwammig ist, dass momentan niemand weiß, was damit eigentlich gemeint ist. Ping? Portscan? Telnet? Ein nicht unerheblicher Teil an Programmen, die, je nach Auslegung, für einen potentiellen Angriff auf einen fremden Rechner nützlich sein könnten, sind nun aber leider fester Bestandteil normaler netzwerkadministreller Tätigkeit und darüber hinaus
eh Bestandteil aller modernen Betriebssysteme, meint: Wenn man einen Computer kauft, hat man die sowieso. Mal ganz abgesehen von der Nützlichkeit und Sinnhaftigkeit von Penetrationstests.

Darauf wurde auch wiederholt im Vorfeld, beispielsweise durch die Gesellschaft für Informatik, hingewiesen:

Problematisch ist die Einfügung des 202c StGB, weil Programme und Tools nicht nach ihrer Einsatzart, sondern vielmehr nach ihrem Aufbau definiert werden. Eine Unterscheidung in Anwendungen, die zur Begehung von Straftaten und solche, die ausschließlich für legale Zwecke hergestellt werden, ist aber nicht möglich. Der gewählte Wortlaut führt zu einer Kriminalisierung der heute in allen Unternehmen, Behörden und von Privaten verwendeten Programme zur Aufdeckung von Sicherheitslücken in IT-Systemen.

Umsonst. Diese Unterscheidungsfähigkeit war nicht herbeizuführen. Aber man braucht dringend den "Einsatz morderner IT-Technologie".

Update: Ich habe mich dann durch die Öffentliche Anhörung und Stellungnahme des Rechtsausschusses (pdf) gequält: Michael Bruns, Bundesanwalt beim Bundesgerichtshof, meint, da sei nix missverständlich,
Prof. Borges und Prof. Hilgendorf sehen das wohl eher nicht so...

Sprachpolizei in Sachen Weblog-Genus

Mea culpa. Da gerät man doch ganz schnell in Auseinandersetzungen hinein, an den man eigentlich nicht beteiligt sein will. Nämlich mit oder bei den Sprachpuristen. Bekanntermaßen wird in der Blogosspähre darüber gestritten, ob es "das" oder "der" Weblog heissen muss. Nachdem meine Wenigkeit einen Aufsatz zu Weblogs in "Sprache und Kommunikation in den Neuen Medien", Bd. 7 der DUDEN-Reihe "Thema Deutsch" veröffentlicht hat, wird man plötzlich zu normsetzenden Instanz erklärt. Im Tagwerke-Blog ist am 12.7. 07zu lesen:


Die Gesellschaft für Deutsche Sprache antwortet
Geanu um Mittag melde ich mich bei Herrn Müller, meinem Ansprechpartner bei der Gesellschaft für deutsche Sprache, die ihren Sitz, gar nicht weit weg von Frankfurt, in Wiesbaden hat. Dieser hat sich viel Mühe gemacht und gestern einiges recherchiert. Die Gesellschaft für deutsche Sprache hat den Begriff Weblog 2001 zum ersten Mal registriert, weist aber darauf hin, dass es ihn vermutlich schon seit 1999 im deutschen Sprachgebrauch gebe.
Herr Müller hat drei Dinge nachgeschlagen:

* 1. Der Genus

* 2. Herkunft Weblog

* 3. Herkunft Log


1. Der Genus
Bei Wahrig findet sich unter Weblog: männlich, auch sächlich. Beim Duden findet sich: sächlich, auch männlich. Der Sprachgebrauch sei jedoch mehrheitlich sächlich, so sagt Herr Müller. Und belegen ließe sich die sächliche Verwendung beispielsweise in einem Band des Duden Verlages Sprache und Kommunikation in den Neuen Medien, in dem Dr. Klaus Schönberger über "Das" Weblog schreibe.
2. Herkunft Weblog
Kurz und Schmerzlos: Die Herkunft lässt sich auf eine Wortkombination von Web + Logbuch zurückführen, so schreibe es auch Schönberger und dieser beruft sich auch auf Rebecca Blood.
3. Herkunft Log
Das Log entstammt dem Mittelenglischen, der weitere Ursprung ist ungeklärt. Auch Herr Müller hat das Oxford English Dictionary genutzt und hat auch in einem englischen weiteren etymologischen Wörterbuch nachgeschlagen. Ursprung ist das Holz: "Ein Stück von einem Baum". Ach ja: und logeum klänge wohl gut, aber daher stamme es nicht! Den genauen Wortlaut zu logeum gebe ich hier nicht wieder, aber ein verdrießlicher Kommentar in Richtung "Hobby-Etymologen" mag gefallen sein.
2 Kommentare


Daraufhin meldet sich ein maulender "Kritikaster", der sich von "ein(em) Dr. Schönberger" schon gar nichts sagen lassen will:

Kritikaster ;-) meine am 20. Juli 2007 um 12:27
Warum es DAS Weblog heißt
Nun, das alles bestätigt mich absolut in der Überzeugung dass es DAS Weblog/Blog heißen muss, wobei allein die Tatsache, dass ein Dr. Schönberger mit Bezug auf Rebecca Blood DAS Weblog schreibt, noch kein besonders überzeugendes Argument ist. Für haltbarer halte ich die Berufung auf die Regel, dass das Genus von Nomenkomposita durch deren rechten Teil bestimmt wird, wie sowohl in der Dudengrammatik als auch online beispielsweise im Artikel Die grammatischen Merkmale von Komposita im Grammatischen Informationssystem des Instituts f. dt. Sprache nachlesbar ist -- oder etwas knapper auch bei Canoo im Kapitel Nomenkomposita Meiner idiosynkratischen Theorie nach ist die männliche Form ein Reimport aus den deutschsprachigen Alpen- und Voralpenländern wo eben keine/r weiß, was Log und Logbuch sind. Bei "Blog" assoziieren sie wahrscheinlich alle Block, sonst ist diese entsetzliche Verbreitung des falschen grammatischen Geschlechts doch gar nicht zu erklären. ;-) Eine vielfältige Diskussion findet sich übrigens hier: http://das-nicht-der-blog.blogspot.com/


Na, da ist es wieder, das deutsche Bildungsbürgertum, das von Konkret bis Blogosspähre darum kämpft, die deutsche Sprache reinzuhalten. Noch so ein Sprachtaliban:

Alexander meine am 13. August 2007 um 15:18
Es heißt übrigens...
... auch nicht "Der Genus", sondern "Das Genus" - wie von Kritikaster ganz nebenbei korrigiert :-)


Was nun meine Verwendung angeht: "Das" klingt einfach besser, thats all .... ;-)
Ein Weblog mit Informationen und Meinungen rund um Fragen der Kulturwissenschaftlichen Technikforschung

User Status

Du bist nicht angemeldet.
Aktuelle Beiträge

Baseler Projekt "Materialfluss"...
“Materialfluss: Warentransport, Güterdistribution...
kschoenberger - 30. Jun, 16:58
"Digital Cultures: Participation...
Call for Contributions 5th European Symposium on Gender...
kschoenberger - 27. Jun, 12:43
,Grammatikbenutzungsforsch ung'
ist ein sprachwissenschaftliches Projekt, das an der...
kschoenberger - 23. Jun, 09:39
3. Europäische Sicherheitskonferenz...
Nils Zurawski (Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Forschungskolleg...
TK-Kolleg - 18. Jun, 09:09
Siegen: Stipendien für...
Die interdisziplinäre Graduiertenschule "Locating...
kschoenberger - 18. Jun, 08:52
Suche

 
Publikationen aus dem Forschungskolleg






Gerrit Herlyn
Deutungsmuster und Erzählstrategien bei der Bewältigung beruflicher Krisenerfahrungen In: Seifert, Manfred/Götz, Irene/Huber, Birgit (Hg.): Flexible Biographien. Horizonte und Brüche im Arbeitsleben der Gegenwart. Frankfurt u. a. 2007, S. 167-184.




Credits

powered by Antville powered by Helma


Creative Commons License

xml version of this page

twoday.net AGB

Meistens regnet es nicht in Hamburg ...

Aktuelles Wetter in Hamburg:


Temperatur: 18 C
UV Index: 0
Luftfeuchte: 100 %
Sichtweite: 4.0 km
Luftdruck: 1009.1 mb
Windstärke: 11 km/h

Weather data provided by weather.com
Alle Links in Popups öffnen

alle Links auf der aktuellen Seite in einem neuen Fenster öffnen 
RSS Box

Status

Online seit 1135 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 3. Jul, 16:00



About
AusDemForschungskolleg
Blog-Talk
CallForPapers
ComputerNutzungenSpiele
dgvKongress2007
dgvKongress2009
Gender
JobsStipendienUsw
KinderMedien
kommunikation@gesellschaft
Konferenzberichte
Kongress2005
Kongress2007
Kontroversen
Kulturbegriff
... weitere
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren