Konferenzberichte

 

Klingt wie Geschichte

Johannes Müske und Thomas Hengartner, beide Mitglieder dieses Forschungskollegs, haben auf dem 10. Internationalen Kongress der Societé Internationale d’Ethnologie et de Folklore SIEF in Lissabon am Panel Sound, space and memory: ways of emotionalizing and instrumentalizing sound teilgenommen. Hier die längere Version ihres Abstracts:

Sounds are ephemeral phenomena, which are omnipresent elements of our sensory surroundings. Soundscape is a multi-faceted term which refers at the same time to the sonic environment of a place and to a variety of cultural practices with respect to sounds, such as performing, listening, interpreting, recording, or creating. But how can sounds become constituting elements of a group - put differently: How do sounds become cultural heritage/cultural property? In order to empirically investigate these ideas, we conducted a case study that was based on interviews and sound recordings. The data were collected in the context of a sound exhibition project ("Harbour Soundscape", Flensburg Maritime Museum 2010) as part of the DFG-research project "Sounds and tones as cultural property?".
Our paper investigates why some sounds are stronger value-laden than others and therefore have contributed to the notion that Flensburg owns a rich maritime past. For example, the sounds that people in Flensburg (Germany) associate with their city are those of the sea, church bells, and ship horns - and do not include those of daily city life, like traffic. In this context, we focus on how actors and institutions participate in the construction of maritime heritage. We conclude that the human senses are culturally encoded instruments and, therefore, ideas and discourses play an important role in the interpretation of soundscapes.


Die Kurz- und die Langversionen aller Abstracts dieses Panels sind auf den Konferenzseiten zu finden.

Eine ausführliche Beschreibung des Projektes hafen-klang-landschaft gibt es im Themenheft 2/2009 der Volkskundlich-Kulturwissenschaftlichen Schriften des hamburger Instituts.
 

SHOT revisited (Schluss) – Montag und Dienstag, 13./14. Oktober 2008

Tagungsbericht: 50th Annual Meeting der Society for the History of Technology, 11.–14. Oktober 2008 in Lissabon

[die abstracts der Sessions sind abrufbar unter -> conference schedule]

Die ersten Sessions des Montags behandelten vornehmlich „Technikhistorikklassiker“, wobei ein Schwerpunkt auf den Standardisierungsanstrengungen im 20. Jh. lag. Eine Session mit dem Titel „Measuring Bodies, Standardizing Subjects“ behandelte den Menschen als Standardisierungsprojekt und seine Vermessung im Kontext neuer Technologien. Am „Problem of the Human Body in Airplanes, Food, and Airplane Food During WW II and Beyond“ beschrieben die Papers die historische Entwicklung bestimmter Normen, die zu Ergebnissen wie der „K Ration“ der amerikanischen Soldaten im Zweiten Weltkrieg (Sarah W. Tracy, Honors College, University of Oklahoma) führten. Die Parallelsession „Containerization and Intermodal Freight Transportation in Historical Perspective – Regulation, Innovation and Globalization, 1920–1970. Das Panel wurde von Bruce Seely (College of Sciences and Arts, Michigan Tech) und Arthur Donovan (US Merchant Marine Academy) organisiert, die selbst auch papers vorstellten. Die Veranstaltung unterstrich in historischer Perspektive noch einmal die Wichtigkeit von standardisierten Transportmitteln für den Handel – erst ein Format, das zwischen Schiff, Eisenbahn und LKW austauschbar war, führte zu den enormen Effizienzsteigerungen und Kostenreduktionen im Transportwesen, das damit neue Organisationsformen für Unternehmen ermöglichte. Ein besonderer Schwerpunkt lag auf den Darstellungen des Zusammenspiels staatlicher Regularien mit technischen Veränderungen „during periods of rapid technical change“ (vgl. session abstract), der verdeutlichte, dass staatliche Akteure bei der Verhandlung von neuen Technologien auch Gestaltungsspielräume nutzen können, die einen Einfluss auf die Beschaffenheit der Technik haben.

Am Nachmittag lotete ein Panel zum Thema „Medical Technology“ die Kontroversen zwischen Kulturen und neuen medizinischen Möglichkeiten aus. Alle drei Referate behandelten Themen aus dem Bereich der medizinisch unterstützten Reproduktion und Schwangerschaft. Neben Paula Viterbo (Bryn Mawr College, PA, zum Thema „,Natural’ Contraception“) und Bridget E. Gurtler (Rutgers University-New Brunswick, zum Thema Künstliche Befruchtung in historischer Perspektive), untersuchte Marianna Tolia (Technical University of Athens) die „Woman/ User Perspective on the IVF Technologies in Greece as Manifested in the Net“. Dabei untersuchte sie die Perzeption künstlicher Reproduktionstechnologien (ART) in Griechenland; im Fokus ihres Interesses standen dabei vornehmlich weibliche Nutzerinnen von Online-Foren zum Thema In-Vitro-Fertilisation (IVF). Im griechischen Kontext sei von den Frauen viel Mitarbeit (work) erforderlich, die es zu erforschen gelte. Unterschiedliche Faktoren träfen hier zusammen: ein nicht funktionierendes Gesundheitssystem und Misstrauen gegenüber den Ärzten, gepaart mit der Abwesenheit einer funktionierenden Regulierungsbehörde und einem intensiv bearbeiteten Markt trügen hier zu einer Verunsicherung der NutzerInnen der ART bei, mit denen sie allein gelassen seien. Die Behandlung müsste also nicht einfach nur in das Alltagsleben der user integriert werden, sondern diese müssen selbstständig versuchen, ihr Misstrauen gegenüber dem medizinischen Establishment auszubalancieren, Unabhängigkeit in der Erlangung von Informationen zu erreichen und darüber hinaus die Kosten zu reduzieren (wirtschaftliche Situation anders als in „klassischen“ ART-Märkten, z.B. USA). Dabei ist das Internet von großer Bedeutung, da es mit den Anforderungen der NutzerInnen korrespondiert. Mit Hilfe virtueller Kommunikation können hier die Mitglieder verschiedener Gruppen sich in einer community austauschen und so Informationen von anderen ART-Nutzerinnen aus erster Hand erhalten und weitergeben. Ein weiterer Vorteil des Internets ist die Anonymität und nicht-personale Kommunikation, da Unfruchtbarkeit ein in Griechenland gesellschaftlich tabuisiertes Thema sei. Weiterhin ermögliche es die ermöglichen es emoticons, dieses emotional aufgeladene Thema auf einer persönlicheren Ebene zu verhandeln, als dies mit rein verbalen Äußerungen möglich sei. Im Ergebnis trage die Internet-Technologie dazu bei, einen geschützten und hoch emotionalen Raum zu schaffen, der die Wissensproduktion für die NutzerInnen ermögliche.
In ihrem Kommentar stellte Michi Knecht (Humboldt-Universität zu Berlin) zunächst fest, dass die ART/IVF-Technologien zwar das Verständnis von Empfängnis und Reproduktion verändert hätten, einem breiteren Publikum jedoch nach wie vor unbekannt seien. Kapital, Pharmazien und Wissen zirkulieren weltweit, letztendlich werden sie jedoch in regionalen Kontexten angewendet – die Überkreuzungen fordern vorhandenes Wissen bei den ART-NutzerInnen heraus und machen Neuordnungen nötig. Knecht schlug vor, die historische Perspektive in der Forschung zu diesem Thema stärker zu berücksichtigen, so sei z.B. die Möglichkeit, Kontrolle (control / regularisation) über den Körper auszuüben eines der Hauptmotive der Moderne und auch erst in dieser entstanden.

Die interessanteste Sitzung der Konferenz – schließt man sich einem Kommentar aus dem Plenum an – widmete sich unter dem Titel „Techno-Cocooning: Cultural Histories of Mobile Capsules“ dem Herstellen von Räumen durch Klang. Das „technische Einkapseln“ in einen Klangraum in seiner historischen Dimension wurde dabei am Beispiel Automobil, aber auch am Walkman/MP3-Player dargestellt.
Der erste Vortrag von Christopher McDonald (Graduate Study in History, Princeton) untersuchte, wie das Autoradio in der Zeit zwischen 1929-59 zu einem „Companion“ wurde, das Langeweile oder Einsamkeit vertreiben half und eine Brücke zur Außenwelt für den Fahrer darstellte (Creating a Companion in the Car: Car Radio in America as a Technology Hybrid).
Die zentralen Vorträge des Panels referieren die Panel-Organisatoren Karin Bijsterveld und Gijs Mom. Karin Bijsterveld (Dept. Of Technology & Society Studies, Universiteit Maastricht) nahm das Thema Autoradio auf und erweiterte es zeitlich und thematisch. In ihrem Vortrag „Acoustic Cocooning: Ho the Car Became a Place to Relax (Europe, 1920s–1990s)“ stellte sie dar, wie „Ruhe” ein Standard der Autovermarktung wurde. Ruhe wird neuerdings nicht mehr in Verbindung mit Einsamkeit gebracht, die vom Autoradio übertönt werden muss, sondern mit Kontrolle darüber, wer bzw. welche Geräusche Zugang zum persönlichen Nahraum haben (oder nicht). Bijsterveld weist dies an Hand von Vermarktungsstrategien (Autowerbung, Philips-Autoradio) nach, die insbesondere seit den 1990er Jahren auf die „sonic qualities“ der Autos abhebt. Vor dem Hintergrund der „Erlebnisgesellschaft“ (Gerhard Schulze) treffen Strategien, das Auto als Klangerlebnis zu designen und zu vermarkten, offenbar Bedürfnisse der mobilen Nutzer.
Den Gedanken der Umweltkontrolle macht Gijs Mom (Dept. Technology, Innovation & Society, Technische Universiteit Eindhoven) zum zentralen Thema seines Vortrages „Cultures of Control: Sensorial Struggles in the Automobile, 1920s–1990s“. Er periodisiert an Hand einer Literaturanalyse, die sich auf das sinnliche Erleben bei der Autofahrt konzentriert (Proust (1907) z. B. beschrieb das Autofahren als „multisensorial trip“), drei Phasen des Cocooning: Bis zum 1. Weltkrieg wurde das Auto als geschlossener und schützender Körper gesehen (shell), in der Zwischenkriegsperiode als Raum auf Rädern (capsule), seit der Nachkriegszeit als „corridor“, der Privatheit in der Öffentlichkeit ermöglicht. Alle drei Rezeptionen des Automobils weisen die Gemeinsamkeit auf, sich von der Umwelt zu distanzieren.
Einen ganz anderen Blick auf mobiles Cocooning wirft Heike Weber (Institut für Philosophie, TU Berlin). Sie verbindet in ihrem Vortrag „Head Cocoons“ zwei Kontexte, Musikkultur und Mobilitätskultur. Wie die Zeitung dem bürgerlichen Reisenden zur Abschottung dien(t)e, schaffe nun der Kopfhörer eben diesen Privatraum, indem er akustische Abgrenzung ermöglicht.
In der Diskussion wurde herausgehoben, dass die historische Erforschung von technischen Klangwelten in der Technikgeschichte bisher ein Forschungsdesiderat gewesen sei und sich gerade zu einem breiteren Forschungsgebiet entwickelt, wie die breit rezipierten Studien Bijstervelds (Mechanical Sound, 2008) oder Susan J. Douglas’ (Listening In: radio and the American imagination, 1999) zeigen. So sind das Flugzeug, oder das Radio samt seiner Archivbestände „technische Leitfossile“, die unsere akustische Wahrnehmung und damit unsere alltäglichen Erfahrungen mitbestimmen. Da die Session-papers vor allem das Cocooning, also den Schutz vor unerwünschtem Klang betonten, tauchte in der Diskussion auch die Frage auf, ob Cocooning schlechterdings vielleicht unmöglich sei – gerade beim Autofahren träfen den Fahrer ständige Handlungsaufforderungen des Verkehrs, die einen Rückzug ausschlössen. Auch gebe es gegenläufige Tendenzen – Porsche etwa arbeitet an immer lauteren Motorengeräuschen, andere PKW-Besitzer bauen sich „boom boxen“ ein. Gerade diese Beispiele, so Bijsterveld, wiesen jedoch darauf hin, dass Kontrolle über den Klang erlangt werden wolle – eines der Merkmale des Cocoonings. Ein weiterer Kritikpunkt waren die Daten, da schwerpunktmäßig auf der Basis von Autowerbung analysiert wurde. Es ist hier zu wünschen, dass neben den klassischen klangökologischen Theoremen verstärkt auch ethnografisch-kulturanthropologische Forschungen über die Sinne und damit die Alltagserfahrungen breiterer Gruppen in der Technikgeschichte Berücksichtigung finden.

Leider sah das Tagungsprogramm keine Abschlussdiskussion vor, sodass am letzten Vormittag die Sessions in gehabter Art und Weise weitergeführt wurden. Obwohl sie parallel mit weiteren Sessions stattfand, konnte diese Lücke teilweise durch die Session 66, „Science, Technology, and the Social Functions of Our Disciplinary Boundaries OR Is SHOT Necessary?” gefüllt werden. (Angelehnt war der Titel an das Büchlein „Is Sex necessary“? (Thurber/ White 1929), das auf humorvolle Weise (OK, 20er Jahre Humor ...) die psychologischen Verstrickungen des (weißen männlichen) Mittelklasse-Amerikas bei/m Partner-Suche/ -Wahl und -Sein behandelt und als Klassiker dieser Art Ratgeberliteratur gilt.) Die „Round-Table-Conversation“ konstatierte eher zu wenige Verstrickungen - zwischen den Histories of Technology und Science. Organisiert hatte das Panel Amy Slaton (Dept. of History and Politics, Drexel University), es begann mit einem Impulsreferat von Maria Rentetzi (Dept. of Humanities, Social Sciences and Law, National Technical University of Athens), die das Labor als Beispiel des Zusammenwirkens von „Wissenschaft und Technik“ in den Mittelpunkt ihres Referats stellte. Ihre Bildanalyse der historischen Entwicklung von Apparaten der Radiophysik an Hand historischer Fotos kennzeichnete das Labor als eines der Hauptbeschäftigungsfelder der History of Science - und als Verbindung zwischen Wissenschaft und Technik, da es Menschen und Apparate kontextualiesiere. Da ihre Forschungen dabei einen Schwerpunkt auf Gender (Wissenschaftlerinnen im Institut für Radiumforschung Wien, erste Hälfte des 20. Jh.) legen, kam das Gespräch schnell auf die Themenkomplexe Gender, Race, Class zu sprechen. Wie diese sozialwissenschaftlichen Konzepte in die History of Technology einbezogen werden könnten, wurde als eine der drängenden Fragen ausgemacht. Ziel der historischen Technikforschung dürfe es nicht nur sein, Fallstudien anzufertigen, sondern auch auf sozialwissenschaftliche Erkenntnisse zu beziehen. So werden Studien in soziologisch-philosophischer Ausrichtung wie die SCOT oder STS im Fach breit rezipiert. Eine weitere Herausforderung für die History of Technology ist dabei, wie die dritte Podiumsdiskutantin Jessica Wang (Dept. of History, University of British Columbia) betonte, das Überbrücken des „Science-Technology Divide“. So sei es auch die Aufgabe der History of Technology, neben Innovationen und Innovationsprozessen verstärkt auch die Produktion und Zirkulation von Wissen zu untersuchen. Auch im Hinblick auf den wissenschaftlichen Nachwuchs könnte die größere Einbeziehung von z. B. Genderfragen oder anderer Themen von gesellschaftlicher Relevanz das Interesse am Fach mehren.

Viele Beiträge haben gezeigt, dass diese interdisziplinäre Herausforderung angenommen wird und neue Konzepte, wie die „New-Approaches“ oder „Cocooning“-Sessions zeigten, im Fach erprobt werden. Ähnlich äußerte sich auch Steve Usselman (School of History, Technology, and Society, Georgia Institute of Technology), zum Tagungszeitpunkt Präsident der Society, in seiner „Presidential Adress“. Er encouragierte die Forscher_innen zu „dichten Beschreibungen“ und versicherte, dass SHOT weiterhin „the best country“ in der Wissenschaftslandschaft sei, um Technik unter verschiedensten Forschungsinteressen zu untersuchen.
Das nächste Annual Meeting findet vom 15.–19. Oktober 2009 in Pittsburgh, Pennsylvania, statt. Dem portugiesischen Planungsteam unter der Leitung von Maria Paula Diogo (Centro de História das Ciências, Universidade de Lisboa) ist für die tolle Organisation der Tagung zu danken. Die Atmosphäre des Arts Hotel auf dem Expogelände Lissabons, das auf die Tagung abgestimmte Begleitprogramm und die Stadt selbst regten sehr zu vielerlei Diskussionen und Gedankenaustausch an.
 

Online-Dokumention von "Deep Search" - The digital future of finding out

Die Video-Dokumentation der Konferenz “Deep Search. The Digital Future of Finding Out” in Wien ist jetzt online.
 

SHOT revisited – Sonntag, 12.10.2008

Tagungsbericht: 50th Annual Meeting der Society for the History of Technology, 11.–14. Oktober 2008 in Lissabon

[alle Session- und Paperabstracts sind unter -> conference schedule abrufbar]

Ein Panel am Sonntagmorgen trug den versöhnlichen Titel „Religion in Harmony with Technology“, der Berichtende nahm jedoch an der Session „History and Energy Policy: A Role for Historians of Technology“, organisiert von Richard Hirsh (Dept. of History, Virginia Tech) teil. Übergeordnetes Thema des Blocks war die Politikberatungsfunktion von TechnikhistorikerInnen, da die Rolle von Technikgeschichtserzählungen für das Verständnis von aktuellen Ereignissen weitgehend unterschätzt werde, wie Hirsh betonte. Sara Pritchard (Dept. of STS, Cornell University) eröffnete das Panel, indem sie auf das generelle Potential des Begriffs „Energie” verwies, unterschiedlichste Diskurse, wie etwa zu den Themen „Umwelt“, „Ölkrise“ oder „Technik“ unter einem Dach zu vereinen. Ihr paper wählt dabei einen envirotechnical approach, der historische Erkenntnisse über die Technik und ihre Vor- und Nachteile bei der Generierung von Energie, z. B. bei der Aufdeckung versteckter Kosten, miteinbezieht. Gerade TechnikhistorikerInnen müssten diese Kompetenzen nutzen, aus dem „Elfenbeinturm“ heraustreten und ihr Wissen in die „real world“ einbringen, so Richard F. Hirshs Plädoyer.

David E. Nye (Center for American Studies, University of Southern Denmark, Odense), Autor von „Electrifying America“, offerierte in seinem Vortrag “Blackouts: Social Behavior during ‘Artificial Darkness’” eine originelle Sicht auf Stromausfälle, die er in folgendem Satz zusammenfasste: „There is no blackout, there is only no electricity.“ In kulturhistorischer Perspektive auf das Thema untersuchte er an Hand von Presse- und anderen schriftlichen Quellen die jeweiligen Reaktionen der Bevölkerung auf vier größere Stromausfälle in New York zwischen 1936 und 2003. Unter Einbeziehung des Foucault’schen Konzepts der „Heterotopie“ interpretierte er die unterschiedlichen Reaktionen – „ranged from resignation to partying, looting, and solidarity“ – als jeweils ihre Zeit reflektierend. So kursierten im Zusammenhang mit dem ‚blackout’ 2003 sofort Terrorismusgerüchte (die noch unter dem Eindruck von 9/11 standen und sich als unwahr herausstellten), und es wurde eine größere Solidarität unter den New YorkerInnen beobachtet. Der beschleunigte Kapitalismus, der durch die zunehmend angewandten IuK-Technologien so abhängig wie noch nie von Elektrizität ist, diente dabei als Kontrastfolie des „euphorischen“ Moments, der die Stadt zu einer anderen Landschaft machte: erst in der Zeitlosigkeit des entschleunigten heterotopischen Moments konnten nichtmonetäre Werte überhaupt erscheinen.
Leo Marx (Prof. em., STS-Programm am MIT), Verfasser des einflussreichen Buches „The Machine in the Garden“ (1964) und Begründer der american studies, erinnerte in seinem Session-Kommentar daran, dass heutige Studien, wie die Envirotech-Forschung, auch 150 Jahre später nicht vergessen dürften, dass es schon im 19. Jh. Ansätze gab, Technik zu verstehen, indem moderne Technologien mit der Umwelt in Verbindung gebracht wurden. Damals war ein (Literatur-)Diskurs entstanden (hier zitiert er in The Machine ... die großen (Natur-) Schriftsteller, der Technik als Eindringling in der unberührten Natur des amerikanischen Kontinents interpretierte. Doch die Technik komme nicht von selbst in die Natur, dementprechend sein Fazit: „We are still obsessed with […] technological determinism.“

Vor diesem Hintergrund konnte die darauffolgende Session „New Approaches and Tools I“ mit besonderer Spannung erwartet werden. Trevor Pinch (Dept. Of Sociology, Cornell University) und Mitverfasser (und -herausgeber, zusammen mit Wiebe Bijker und Thomas P. Hughes) des STS-Klassikers „The Social Construction of Technological Systems“ (1987) behandelte in seinem Vortrag die Rolle von „unsichtbaren Technologien“ für unser Verständnis von aktuellen (sehr sichtbaren) Technologien, wie dem so genannten „Web 2.0“. In seinem Vortrag „The Invisible Technologies of Goffman’s Sociology: From the Merry-Go-Round to the Internet“ integrierte Pinch die Theorie der sozialen Interaktion in seine Überlegungen zur technisch vermittelten Interaktion (technological mediated interaction). Goffman hatte die soziale Welt (social life) – mit dem Vokabular des Theaters – als Drama beschrieben, in der es eine Vorder- und eine Hinterbühne gibt und die Menschen Darsteller ihrer selbst sind. Der Techniksoziologe sieht die menschlichen Interaktionen (dargestellt an Goffmans Restaurant-Beispiel) in ein technisches Setting eingebettet, die unsichtbaren Technologien. Pinch geht von einem weiten Technikbegriff aus; technology erfasst auch Fähigkeiten, wie z. B. den Umgang mit Tieren (ein weiteres Beispiel der „unsichtbaren Technologien“ sind bei ihm Pferde im Kriegseinsatz, neben moderner Kriegstechnik). Dementsprechend bilden in seinem Gedankengang Wände, Korridore, vor allem aber die Schwingtür zwischen Vorderbühne (Restaurant) und Hinterbühne (Küche), die Technologien, die die Bewegung zwischen den verschiedenen Rollen und Bühnen ermöglichen. Das Framework der technisch vermittelten Interaktion führte er sodann an Hand seiner aktuellen Untersuchungen zur webbasierten Kommunikation zwischen Musikfans auf der Online-Plattform Acidplanet.com aus. Sein Fazit verwies auf die Anfangsthese: Theorien der sozialen Interaktion können und sollten für die Analyse von Technik fruchtbar gemacht werden, um die Interaktionen der Nutzer/innen – auch ihre Rolle als „agents of technological change“ – besser zu verstehen.

Die Sessions des frühen Sonntagnachmittags „New Approaches and Tools II“ und „Owning and Disowning Invention“ liefen leider parallel, sodass hier nur jeweils nur ein unvollständiger Eindruck gewonnen werden konnte. Während das erste Panel zu den „New Approaches and Tools“ noch überzeugende Ansätze zur Integration sozial- und kulturwissenschaftlicher Modelle für die Technikanalyse lieferte, wurde im zweiten Themenblock (moderiert von Wiebe E. Bijker, Dept. of Technology & Society Studies, Universiteit Maastricht) deutlich, dass Forschungen in frühen Entwicklungsphasen auch viele offene Fragen aufwerfen können.

Nina E. Lerman (Dept. of History, Whitman College, WA) legte in ihrem Paper (“Apprenticeship Industrialized: Technological Knowledge from Household to Shopfloor”) an Hand historischer Lehrlingsbücher und anderer Archivalien dar, dass die Strukturen der Lehrlingausbildung („hands-on“, paternalistische Rollenverteilung) in den USA des späten 18./ frühen 19 Jhs. von den Lehrlingen übernommen wurden und das das damit von späteren Generationen reproduzierte Bild von adulthood bis in die Zeit der Industrialisierung trug. In seinem Kommentar bemerkte Bart Hacker (Kurator, Nat. Museum of American History, Smithsonian Institution) dazu, dass Ausbildung (apprenticeship) nicht die einzige Praxis (practice) der Weitergabe von Wissensbeständen gewesen sei.
Andreas Stascheit (FB Angewandte Sozialwissenschaften, Fachhochschule Dortmund), stellte in seinem Vortrag „History of technology as history of experience: the case of sound transformation“ die These auf, dass das High-Fidelity-Prinzip (möglichst originalgetreue Klangwiedergabe), sich durch die Hörerfahrung umgekehrt habe: Klangreproduktionen müssen heute so klingen, wie die „Originalaufnahme“. Diese These entwickelte er an einem komplexen phänomenologischen Theoriegebäude um den Begriff der Erfahrung, was im Plenum die Fragen aufwarf, ob die Fülle von Klangerfahrungen hier nicht willkürlich reduziert werde: auch wenn Britney-Spears-Fans oder ein an modernen Klassikeinspielungen („Anna Netrebko“) interessiertes Publikum beim Konzertbesuch CD-Qualität hören wolle, gelte dies für Freunde der historischen Aufführungspraxis noch lange nicht. Auch bliebe bei der Analyse der Klangaufzeichnung die Parallele zu einer anderen Technologie des 19. Jhs. unberücksichtigt – auch die sedimentierten Erfahrungen im Umgang mit der Fotografie dürften nicht vergessen werden.

Das Parallelpanel „Owning and Disowning Invention: Intellectual Property and Identity in British Science and Technology, 1880–1920” untersuchte in historischer Perspektive, welche Beziehungen zwischen der Entwicklung des Britischen Patent-Systems und wichtigen Innovationen, den „fields of electrical engineering, aviation and plant breeding“, bestanden. Das Panel spiegelte aktuelle interdisziplinäre Diskussionen wider, die bei der Betrachtung neuer inventions rechtliche Rahmenbedingungen mitberücksichtigen, wobei davon ausgegangen wird, dass es – zumindest wenn ein I.P.-Regime funktioniert – der Schutz von intellektuellem Eigentum der Hervorbringung von Innovationen förderlich sei.
Mit dem Thema der Rolle des Intellectual Property (I.P.) bei der Entstehung von Innovationen beschäftigte sich vertiefend auch Session 26, „The ‚Strong Patent System’ Story vs. the History of Technology“. In seinem abstract fasste Organisator Bryan Pfaffenberger (STS-Dept., School of Engineering and Applied Science, University of Virginia) noch einmal die „große Erzählung des amerikanischen Strong Patent Systems“ zusammen – unbeachtet von den TechnikhistorikerInnen haben Ökonomen und Wirtschaftshistoriker durch die Auswertung großer Patentdatensätze herausgefunden, dass es einen Zusammenhang zwischen dem starken, von Innovationen geprägten Wachstum in den USA im 19. Jh. und dem einzigartigen U.S.-Patentrecht gebe. Dieses zeichne sich durch eine vorteilhaft ausgewogene Beachtung von open access und dem Schutz geistigen Eigentums aus. Innerhalb dieses Diskurses müsse die Technikhistorik ihre Deutungshoheit über die Interpretation des technological past zurückgewinnen, indem nicht mehr nur Einzelfallstudien spezielle Themen untersuchten, sondern durch die Auswertung größerer Datenbestände und die Anwendung neuer Methoden auch generalisierende Aussagen getroffen werden könnten. Wie genau also könnten TechnikhistorikerInnen auf die (methodischen) Herausforderungen der cliometrics reagieren? „The question […] is this: Can historians of technology discover more efficient ways to place large numbers of patents in context – and, in so doing, retell the patent story in new and critical ways that are consistent with our commitment to scholarship?”
Einen ersten Zugang entwickelte hier Paul Israel (Dept. of History, Rutgers University, NJ), der in seinem Vortrag (Learning from Thomas Edison’s patents) darlegte, dass Edison, der in der Patent-Erzählung wegen der Vielzahl seiner Patente eine herausgehobene Stellung einnimmt, nicht immer aus Erfindergeist oder persönlicher Motivation gehandelt habe. Ausgangsfrage war, warum sich eigentlich so viele Patente im Bereich der Telegrafie mit der (Weiter-) Entwicklung von Telegrafenkomponenten beschäftigten, wenige sich jedoch um die Datenintensität bemühten. An Hand von Patentakten und Briefwechseln gelang es Israel nachzuweisen, dass der Erfinder in engem Kontakt mit Mitarbeitern der Western Union Telegraph Company stand, die bei ihm technische Variationen regelrecht „bestellten“, um das Monopol über das Telegrafenpatent zu behalten. Das Patentrecht, welches das I.P. schützen und seinen Urheber am Erfolg teilhaben lassen sollte, wurde von Erfindern und (ihren) Unternehmen also auch gezielt genutzt, um den Marktzugang für Wettbewerber zu erschweren und Marketingstrategien (Monopol über die Distribution) umzusetzen.
Auch die Papers von Pfaffenberger selbst (zur amerikanischen voting machine industry, 1889–1925) und Alessandro Nuvolari (Dept. of Technology Mgmt., Eindhoven University of Technology; „Quackery, patents and the market for medicines in England, 1617–1852“) beschäftigten sich mit Fragen der Auswirkungen des Patentrechts auf technischen Wandel und bezogen dabei quantitative Datenanalysen mit ein.
Diese einheitliche Fragerichtung forderte die Session-Kommentatorin Eda Kranakis (Dept. of History, University of Ottawa), die auch schon den Kommentar zur vorhergehenden Session geliefert hatte, zur Feststellung heraus, dass die hier skizzierten Überlegungen zum Patentrecht noch einmal überdacht werden müssten: Patentrecht diene eben nicht Innovationen, sondern in erster Linie Ansprüchen (claims). Kranakis, die sich in einem im Fach beachteten Artikel erst kürzlich mit dem Thema auseinandergesetzt hatte ("Patents and Power", in: Technology and Culture, Vol. 48 (2007), Nr. 4, pp. 689 ff.) unterstrich in ihrem ausführlichen Kommentar, dass manche Patente (gateway patents) besonders wirkungsvoll seien („some patents have extra powers“), da sie den Zugang zur öffentlichen Domäne regulierten. Dies sei z. B. beim Telegrafen, wie Israel deutlich gemacht habe, der Fall: die Datenübertragung per Elektrizität könnte zwar durch das Patentrecht nicht geschützt werden und damit theoretisch für jedermann offen, aber die Rechte der Western Union am Telegrafen nebst aller seiner technischen Variationen führte faktisch trotzdem zu einem Zugang nur über deren Telegrafenstationen (und damit zu einem Monopol). Es zeige sich hier deutlich, dass das Patentsystem v. a. Einkommensquellen für Financiers durch die Ideen Dritter erschließe. Gerade heute zeigten internationale Handelsabkommen (und Handelskonflikte, siehe China), dass I.P.-Regimes mitverantwortlich für die Welt-Einkommensunterschiede sind. Als Ergebnis stand die Übereinkunft, dass das Patentsystem nicht als ein Indikator für die Technikentwicklung betrachtet werden könne, sondern dass auch vielmehr beachtet werden müsse, welche ökonomischen benefits durch I.P.-Schutzregimes entstehen, und wer von diesen profitiere, um die Verbindungen zwischen Innovationen und Recht besser zu verstehen.
 

SHOT revisited – Sonnabend, 11.10.2008

Tagungsbericht: 50th Annual Meeting der Society for the History of Technology, 11.–14. Oktober 2008 in Lissabon

Das diesjährige Treffen der Society for the History of Technology in Lissabon stand ganz unter dem Jubiläumsmotto “looking back and looking beyond”. Die Society for the History of Technology (SHOT) wurde 1958 mit dem Ziel gegründet, die Forschung über technische Entwicklungen und ihre Wechselbeziehungen mit Gesellschaft und Kultur zu unterstützen und ist Herausgeberin der Zeitschrift Technology and Culture. Sie hat sich einem interdisziplinären Zugang auf die Erforschung der Technik verschrieben, thematisch entsprechend breit gefächert waren die Gebiete, die in den 66 Sessions verhandelt wurden: An Hand neuer Technologien wurden in der Session „Bio, Nano, Robo – New Challenges for Historians of Technology“ neue Forschungsfelder ausgelotet, andere Sektionen bewegten sich auf klassischen Feldern der Technikgeschichte, wie „Containerization and Intermodal Transportation in Historical Perspective“, die am Beispiel der technischen Entwicklungen im Transportsektor frühere Phasen der Globalisierung (1920-1970) behandelte. Neben den Vorträgen wurden in verschiedenen Podien mit den KonferenzteilnehmerInnen über „the Museum of the Future“ oder die grundlegende Frage „Is SHOT necessary?“ diskutiert.
In den folgen Tagen werden an dieser Stelle weitere Berichte der folgenden Konferenztage erscheinen.

Den Eröffungsvortrag am Samstagabend hielt der indische Wirtschaftshistoriker Sanjay Subrahmanyam (Dept. of History, University of California at Los Angeles), der die Zirkulation von Innovationen und Wissen im asiatischen Raum in der frühen Moderne untersuchte. Sein Vortrag „Arms and the Asian: Innovation and Circulation in Early Modern Asia“ behandelte die „military revolution“ (Geoffrey Parker), die in Europa stattgefunden hatte und zwischen 1500 und 1800 sich im Zuge der europäischen Expansion in der restlichen Welt verbreitete. Sie nahm in Asien jedoch einen Verlauf, der sich z. B. von Afrika, Amerika oder Russland unterschied, was Subrahmanyam zufolge an zwei für Asien charakteristischen Faktoren lag, die teilweise ineinander verflochten waren: zunächst die schiere geschlossene Landmasse, die politisch-ökonomische Struktur des osmanischen Reichs und die europäischen Aktionen im indischen Ocean (wie beispielsweise die portugiesische Expansion). Sein Vortrag erinnerte, auch in seinem Titel (von G. B. Shaws Komödie „Arms and the Man“ geliehen) daran, dass die Eingebundenheit von Technik in komplexe soziale und räumliche Zusammenhänge bei ihrer Verbreitungsgeschichte mitberücksichtigt werden muss: Das Ende seiner Lektüre ging wieder zurück zur Anfangsthese: Krieg behandelt eben nicht nur Technologie oder Logistik, Krieg handelt ebenfalls von Moral.
 

Tagungsbericht: In-Vitro-Fertilisation as Global Form

Ethnographic Knowledge and the Transnationalization of Reproductive Technologies

Internationaler Workshop des Instituts für Europäische Ethnologie und des Sonderforschungsbereichs 640, "Repräsentationen sozialer Ordnung im Wandel", Teilprojekt C4 ("Verwandtschaftskulturen und Reproduktionstechnologien"), Humboldt-Universität zu Berlin
12.06.2008- 14.06.2008


Bericht von Sulamith Hamra und Michi Knecht, Humboldt-Universität zu Berlin
Email: sulamith.hamra[at]cms.hu-berlin.de, michi.knecht[at]rz.hu-berlin.de

Dreißig Jahre nach der Geburt des ersten "Retortenbabys aus dem Reagenzglas" in Manchester 1978 haben sich In-Vitro-Fertilisation (IVF) und andere Technologien "assistierender" Reproduktion weltweit und mit ungebrochen steigender Tendenz verbreitet. Wenn auch ihre Nutzung häufig auf Frauen, Paare und Familiennetzwerke beschränkt bleibt, die über ausreichende finanzielle Mittel verfügen, so können Reproduktionstechnologien doch längst nicht mehr ausschließlich als Privileg ungewollt Kinderloser in westlichen Ländern gelten. Eingebettet in unterschiedliche biopolitische Konstellationen, lokale Geschlechter-, Verwandtschafts- und Sozialordnungen sowie ungleiche Ökonomien werden Reproduktions-Technologien gegenwärtig nicht nur in Nordamerika, Europa und Australien praktiziert und genutzt, sondern auch in vielen Ländern Südamerikas, Asiens und Afrikas. Aus der Fülle von Technologie-generierenden, -aneignenden und -regulierenden Praxen, die sich quer zu, durch und über regionale und nationale Grenzen hinweg realisieren, ist ein annähernd globales "techno-scape" hervorgegangen. Es handelt sich um eine multilokale Konfiguration, die transnationale Strukturen generiert und gleichzeitig lokale Praxen reproduktionsmedizinischer Nutzung immer wieder neu markiert und hervorbringt.

Seit 20 Jahren begleiten Sozial- und Kulturanthropologinnen und -anthropologen sowie Wissenschafts- und Technikforschende diese Entwicklungen mit lokalen oder multilokalen Untersuchungen zu den professionellen Arbeitswelten und kulturellen Implikationen von Reproduktionstechnologien. Erstmals jedoch brachte der internationale Workshop "IVF as global Form. Ethnographic Knowledge and the Transnationalization of Reproductive Technologies" die Autorinnen und Autoren dieser Studien zusammen, um nicht nur Unterschiede und Gemeinsamkeiten, sondern vor allem auch Linien und Verbindungen zwischen unterschiedlichen Lokalitäten sichtbar zu machen. Ziel der die Konferenz organisierenden Forschergruppe (Stefan Beck, Sulamith Hamra, Maren Klotz, Michi Knecht) war weniger ein Vergleich der Artikulationsformen von IVF in unterschiedlichen Gesellschaften und Kulturen, noch eine Typologie ihrer Aneignungsformen. Es ging vielmehr um den Versuch, auf der Grundlage dichter ethnographischer Forschungen neue Einsichten in Reproduktionstechnologien als globale "Form" oder "assemblage" zu generieren. Damit sollten auch weitergehende Fragestellungen zu zwei im Feld der internationalen Sozial- und Kulturanthropologie derzeit intensiv diskutierten Problemstellungen angestoßen werden: Nach welchen Mustern bzw. in welchen Dynamiken entwickeln sich transnationale Räume und Ordnungen? Und was für konzeptionelle, methodologische wie analytisch-theoretische Innovationsnotwendigkeiten ergeben sich aus der Verschiebung der ethnographischen Aufmerksamkeit von lokalisierten zu transnationalen oder gar "globalen" Praxen sowie ihren wechselseitigen Verflechtungen mit dem Lokalen?

In ihrem Eröffnungsvortrag "5 Million Miracle Babies Later. The Cultural Legacy of IVF" forderte SARAH FRANKLIN (BIOS-Centre, LSE, London) eine Neupositionierung von IVF in der Geschichtsschreibung menschlicher Reproduktion und in unserem Denken. Dreißig Jahre reproduktionstechnisch assistierter Zeugung hätten, so Franklin, neue Ambivalenzen zwischen Risiken und Obligationen zur Inanspruchnahme dieser Technologien institutionalisiert sowie die Wahrnehmung von und den Umgang mit menschlicher Reproduktion revolutioniert. Aber da IVF in einem sehr kurzen Zeitraum weitgehend normalisiert worden sei und sich vielerorts zu einer unspektakulären und allgegenwärtigen Technologie entwickelt habe, werde ihr Vermächtnis unterschätzt. Zwar seien die multiplen und komplexen Genealogien reproduktionstechnologisch assistierter Zeugung noch nicht ausreichend rekonstruiert; insbesondere die Frage, was es diesen Technologien erlaubt habe, aus dem Bereich der Tierzucht in die Humanmedizin einzuwandern, sei ungeklärt. Aber eine Re-Lektüre der bereits geschriebenen Wissenschaftsgeschichte biete genügend Material für eine Neuinterpretation. IVF stelle, so FRANKLIN, einen bedeutsamen Wendepunkt der somatischen Techniken und Ethiken in der Geschichte der Menschheit dar. Das „Zeitalter der Biologie“ habe keineswegs erst mit dem Human Genome Project und dem Klonschaf „Dolly“ begonnen. Anders als die ikonengleiche Metapher von der "helfenden Hand der Natur" suggeriere sei IVF, als Werkzeug und zugleich Modell, tatsächlich eine helfende Hand für die nächste Generation biotechnologischer Interventionsmöglichkeiten. Der durch IVF "hergestellte" Embryo, distinkt in der Normalität seiner Intervenierbarkeit, bereite zukünftige erweiterte Formen der Intervention in menschliches Leben vor. Heute verkörpere IVF nicht mehr die Substituierbarkeit menschlicher Reproduktion durch Technologie sondern de facto ihren Ersatz. Das Modell sei zum neuen Original geworden.


Am Freitagvormittag präsentierte MICHI KNECHT (Humboldt-Universität zu Berlin) in ihrer Einleitung das Tagungskonzept, das vorschlug, IVF als Modellfall biotechnologischer Transnationalisierung und Globalisierung zu befragen. Wichtige Unterpunkte dieser Fragestellung betreffen die Erprobung und Diskussion analytischer Konzepte wie "technological zone", "scape" und "global assemblage", die Analyse nationaler und transnationaler Stile der Gouvernementalität in der Regulierung von IVF und ihr Verhältnis zu den mobilen Dimensionen dieser Technologien sowie die Übergänge zwischen biopolitischen und bioökonomischen Konfigurationen. Weitere Schwerpunkte des Workshops sollten nach Wunsch und Plan der Veranstalter die sich ändernden Bedingungen ethnographischer Wissensproduktion in diesem Feld bilden sowie die Asymmetrien innerhalb und zwischen unterschiedlichen reproduktionstechnologischen Räumen. Überlegt werden müsse, in wiefern die Formation reproduktionstechnologischer Räume zur Neuinskription und gleichzeitig zur Delokalisierung der Dichotomie "the West versus the Rest" und der mit ihr verbundenen Zuschreibungen von "modern" und "rückständig" beitrage.


Konstellationen reproduktiver Gouvernementalität

Die Beiträge des ersten Workshoptages knüpften aspektreich an SARAH FRANKLINs Charakterisierung von IVF-Technologien als Generator neuer Verpflichtungen, Risiken und Ambivalenzen an. Sie rückten zudem das Konzept "reproduktiver Gouvernementalität" in den Mittelpunkt, das ELIZABETH ROBERTS in die Konferenz eingebracht hatte.

Im ersten Panel unter dem Motto “Localizing IVF: the Cultural Works of Encounters” diskutierte ROBERTS (University of Michigan) an Hand ethnographischen Materials aus Ecuador kulturelle, ökonomische, religiöse und politische Kontexte reproduktiver Technologien, die die spezifische Form ecuadorianisch-reproduktiver Gouvernementalität im Umgang mit IVF prägen. Involviert und von Bedeutung sind ein schlecht ausgestattetes öffentliches und ein staatlicherseits unterreguliertes, privates Gesundheitssystem, die Kirche, ein striktes Abtreibungsverbot und ausgeprägte soziale und ökonomische Hierarchien. Selbst arme Ecuadorianerinnen entwickelten Strategien, um private medizinische Leistungen in Anspruch nehmen zu können und die staatlichen Gesundheitseinrichtungen zu umgehen. Viele der ärmeren Frauen, die sich in Fertilitäts-Kliniken behandeln ließen, seien durch vorhergegangene, schlecht ausgeführte illegale Abtreibungen steril geworden. ROBERTS zeigte, wie in der Nutzung von IVF-Technologien auch Subjektivitäten und Handlungsmacht, Kontrolle und Mangel an Kontrolle zwischen dem ecuadorianischen Staat und seinen Bürgerinnen und Bürgern verhandelt werden.
MICHAL NAHMAN (University of Western England) situierte IVF in Israel im Kontext eines pro-natalistischen biopolitischen Systems, in dem reproduktionsmedizinische Behandlungen großzügig durch die Solidargemeinschaft und den Staat finanziert werden und in dem die weltweit freizügigsten rechtlichen Regulierungsformen herrschen. Der rätselhafte Satz „Embryos sind unser Baby“, der auf der Außenmauer einer privaten israelischen IVF-Klinik zu lesen ist, diente als Leitmotiv ihres Vortrages. In dem sie nach Schnittflächen zwischen Wissenschaft und Nationalkultur fragte, konnte sie parallele Narrative und Motive, etwa im Diskurs über Alliah, das Recht der Heimkehr der Juden ins gelobte Land, und Eizellimporte aus Rumänien herausarbeiten. Sie machte Konvergenzen zwischen der Deutung privater und öffentlicher „Reproduktionskrisen“ deutlich. Im Rückgriff auf Benjamins Konzept der „Verkürzung der Zeit“ arbeitete sie heraus, wie die Entwicklungsschritte zwischen "Embryos" und "Babies " in den israelischen Diskursen unsichtbar gemacht werden. Der IVF-Embryo wird zu einem neoliberalen, zeitgenössisch-nationalen Hoffnungsträger.

Die Sozialanthropologin JEANETTE EDWARDS (Manchester University) betonte in ihrem Kommentar, dass gerade eine Perspektive auf Nutzungspraxen von Technologien, die auch Klasse, bevölkerungspolitische Zusammenhänge und die gesamte lokale Situation berücksichtigt, einen genuin ethnographischen Beitrag zur Diskussion globaler assemblages darstelle.

Im zweiten Panel unter dem Titel "National Styles of Governance / Local IVF Cultures" zeigte WILLEMIJN DE JONG (Institut für Ethnologie, Universität Zürich), wie eine spezifisch schweizerische Bioethik-Position zu IVF vor dem Hintergrund transnationaler Debatten konstruiert wird. Sie berichtete am Beispiel einer Podiumsdiskussion über einen lokalen Diskurs, der die Idee des "Kinder-Machens als Projekt " als etwas Anstößiges darstellt. Dem "Machbarkeitswahn" der Reproduktionstechnologien werde hier das Motiv vom "Kind als Geschenk" gegenüber gestellt – ein positiv konnotiertes Image. Im Verhältnis zwischen lokalem Diskurs und transnationalen Debatten markiert die besonders restriktive Handhabung von IVF und die zögerliche Zulassung vieler reproduktionstechnologischer Verfahren in der Schweiz das Land als besonders - und als besonders vorsichtig.

In ihrem Vortrag zum "Wissensmanagement" in Familien nach donogener Zeugung in Deutschland und Großbritannien ging MAREN KLOTZ (Humboldt-Universität zu Berlin) von der These aus, dass aktuell biologische Verwandtschaftsinformationen zum regulatorischen Problem geworden seien. Sie brachte das Beispiel einer alleinerziehenden Mutter in Berlin, die ihre Tochter mit dem Samen eines anonymen Spenders aus den USA zeugte und durch internetbasierte Nachforschungen viel Wissen über den Genitor sammelt. Davon ausgehend entwickelte KLOTZ ein komplexes Bild der Zusammenhänge zwischen nationalen Regulativen, der Europäisierung der Gesetzgebung und den persönlichen, reflexiven Strategien der Akteure im Feld. Im Rückgriff auf Marilyn Stratherns und Janet Carstens Verständnis von Verwandtschaftswissen als "konstitutivem Wissen", das Beziehungen nicht nur formt, sondern tatsächlich produziert, machte sie deutlich, wie wichtig ein Verständnis der Schnittstellen zwischen Familiengesetzgebung und lokalen Familienpraxen ist.

Die Diskussion zu beiden Vorträgen (Kommentar: CAMEL SHALEV (University of Tel Aviv)) verstärkte den Befund, dass es sich hier um ein bedeutsames Forschungsdesiderat handele. Die EU-Gewebe-Richtlinie, die unter anderem auch die Anonymitätspraxen im Falle von Spendersamen neu regelt, müsse in dieser Perspektive als Teil der Verwandtschaftsgesetzgebung gelesen werden, denn es handele sich um eine Gesetzgebung, die Verbindungen legitimiert, bildet, festigt oder trennt.

BERNHARD HADOLT (IHS Wien) und VIOLA HÖRBST (Institut für Ethnologie, LMU München) erkundeten in ihrem Beitrag Möglichkeiten und Grenzen eines kontrastiven Vergleiches von In-Vitro-Fertilisation in Mali und Österreich. Die von ihnen gewählte Vergleichseinheit "Praxisform" bezeichnete dabei lokal spezifische, sozial geteilte Bündel von Praxen, die aus der Interaktion lokaler Problemdefinitionen von Kinderlosigkeit, nationalen Regulationsformen und transnational operierenden Gesundheitsorganisationen hervorgehen. HADOLT und HÖRBST arbeiteten vor allem Unterschiede im jeweils lokalen Verständnis von ungewollter Kinderlosigkeit heraus und zeigten, wie die kostspieligen und unsicheren Technologien vor allem im Mali-Fall soziale Techniken des Umgangs mit Kinderlosigkeit (z.B. Polygynie) ergänzen. In beiden untersuchten Kontexten, so ein Ergebnis ihrer Überlegungen, ändere sich die Definition dessen, was traditionell als Problem ungewollter Kinderlosigkeit verstanden werde, durch die (eingeschränkte) Verfügbarkeit von Reproduktionstechnologien nicht.

ZEYNEP GÜRTIN-BROADBENT (University of Cambridge) berichtete aus ihrer Forschung in einer privaten, reproduktionsmedizinischen Klinik in Ankara zu "Lokalisierungspraxen" von Reproduktionstechnologien in der Türkei. IVF und ICSI würden dort mittlerweile als normale, moderne und auch normativ geforderte Antwort auf Infertilität und ungewollte Kinderlosigkeit gelten. Die hohe soziale Akzeptanz von "Tüb Bebek" (Reagenzglas-Kindern) basiere auf dem Verbot jedweder Form donogener Insemination, auf der Einschränkung der Anwendbarkeit von IVF auf verheiratete heterosexuelle Paare und auf einem ausgeprägten Stolz über die Erfolge türkischer Ärzte.

In ihrem Kommentar zu den Beiträgen dieses Panels forderte FERHUNDE ÖZBAY (Boğaziçi-Universität Istanbul), die Perspektive auf Bevölkerungspolitik und ihre Umschwünge, gerade in der Türkei, noch zu erweitern und die Zusammenhänge zwischen Redefinitionen und Vorstellungen von Moderne, citizenship und Fortschritt in der Nutzung von IVF-Technologien ethnographisch intensiv zu erkunden.


Transnationale Räume der Reproduktionstechnologien

Der dritte Workshoptag war schwerpunktmäßig den transnationalen Aspekten unterschiedlicher Forschungen zu assistierenden reproduktiven Technologien weltweit gewidmet. Das Samstagmorgen-Panel stand unter dem Motto Tracing the Transnational Scapes of Reproductive Technologies: Emergent Forms and Domains of Regulation.

SVEN BERGMANN (Humboldt-Universität zu Berlin) berichtete über seine Forschungen zu “Fertilitäts-Tourismus” in reproduktionsmedizinischen Kliniken in Spanien und der Tschechischen Republik. Er zeichnete am Beispiel des Eizellhandels unterschiedliche Facetten der hier entstehenden repro-scapes nach. Um die Form und die Prozessdynamiken dieser "scapes" (Arjun Appadurai) ethnographisch zu entschlüsseln, untersuchte BERGMANN vor allem Interaktionen und Begegnungsformen in transnationalen Räumen: Matching-Strategien (zwischen Eizellspenderinnen und -empfängerinnen), Synchronisierungspraxen sowie die Herstellung und Sicherung von Angeboten und Verfügbarkeiten in ihren räumlichen und zeitlichen Dimensionen. BERGMANN machte deutlich, dass die Wege der reisenden Patientinnen, der Gameten und Hormonpräparate und die Räume der Kliniken, in denen sich medizinisches Wissen, Kapital, körperliche Substanzen sowie die Spenderinnen und Empfängerinnen von Eizellen begegnen, Teil einer entstehenden, stark stratifizierten transnationalen Landschaft sind.

Auch EVA-MARIA KNOLL (Österreichische Akademie der Wissenschaften, Wien) widmete sich der Ostwärtsverlagerung von Reproduktionstechnologien und einer spezifischen Spielart von "Reproduktionstourismus". Die von ihr ethnographierte Repro-Tech-Mobilität von Österreich nach Ungarn folgt klassischen Mustern und etablierten Infrastrukturen der Tourismusindustrie. KNOLL zeigte überzeugend, dass Grenzen in transnationalen Räumen keineswegs ihre Bedeutung verlieren, sondern neue Bedeutungen erlangen – beispielsweise, wenn die Verfügbarkeit von IVF für bestimmte (nationale) Bevölkerungsgruppen erweitert oder beschränkt wird. Dabei produzieren die Unterregulation und die Unübersichtlichkeit transnationaler repro-scapes Spielräume und "Biegbarkeiten", die den drei untersuchten ungarischen IVF-Kliniken sehr unterschiedliche, zum Teil sogar antagonistische, Politiken und Praxen erlauben.

In ihrem Kommentar im Anschluss an diese Präsentationen unterstrich SHAHANAH SCHMID (BIOS Centre, LSE London) die Notwendigkeit neuer analytischer, vielleicht auch kartographischer, Zugänge, die über die Kritik eines methodologischen Nationalismus (Nina Glick-Schiller) und die simple Aufforderung zu mehr mobiler, multilokaler Feldforschung hinausgehen. Die Vorträge machten klar, dass politische Räume und Grenzen, die Territorien des Marktes und die Räume der Imagination in Bezug auf IVF als transnationale oder globale Form keineswegs deckungsgleich seien. Die Zusammenhänge zwischen unterschiedlichen Gouvernance-Formen und Marktlogiken jedoch müssten noch genauer erforscht werden.

Das zweite Samstagspanel setzte die Diskussion zu den Strukturen transnationaler reproduktiver Räume fort. Der thematische Schwerpunkt lag nun auf "Accelerated and Restricted Agencies and Asymmetrical Engagements". Die Medizin- und Sozialanthropologin MARCIA INHORN (University of Michigan) stellte ein komplex stratifiziertes Reproduktionsregime in Dubai vor. Dubai werde von Nutzerinnen und Nutzern reproduktiver Technologien aus all den Ländern besucht, die vor allem nach 2001 kaum noch Zugang zu US-amerikanischen Visa erhalten. Außerdem liegen die Fertilitäts-Kliniken in Dubai für Eliten arabischer und afrikanischer Länder näher als amerikanische oder europäische Kliniken. An dem exemplarischen Fall einer Frau, die in Dubai durch eine Eizellspende aus Zypern mit Mehrlingen schwanger wird und zwei der drei Föten in England, wo dies im Gegensatz zu Dubai erlaubt ist, abtreiben lässt, arbeitete Marcia Inhorn eine Art Konsum von Rechten (ermöglicht durch finanzielle Ressourcen) heraus. Sie schlug vor, die Analyse reproduktionstechnologisch assistierter Lebensformen nicht auf Kliniken und Labore zu beschränken, sondern auch die häuslichen Arbeitsteilungen und die Gesamtorganisation von Eltern-Kindverhältnissen mit einzubeziehen. Nur so lasse sich das gesamte Interdependenzgeflecht überblicken, zu dem auch die Kindermädchen der wohlhabenden (einheimischen wie internationalen) Dubaier Familien und ihre Kinder und Familien als spezifisch "Andere" einer globalen Eltern- und Mutterschaft gehörten.

ADITYA BHARADWAJ (University of Edinburgh) argumentierte in seinem Konferenzbeitrag, dass das Konzept der stratifizierten Reproduktion (nach Shellee Colen 1995) die Implikationen eines in Indien stark ausgeprägten Pronatalismus und seine gleichmacherischen Wirkungen nicht genügend berücksichtige. Wo Kinder-Haben eine soziale Notwendigkeit sei, würden reiche und arme gleichermaßen stigmatisiert und Kategorien wie Schicht, Religion, Ethinizität und Kaste durchkreuzt. Diese wiederum spielten jedoch eine große Rolle im ungleichen Zugang zu sozialen wie technologisch assistierten Umgangsmöglichkeiten mit Unfruchtbarkeit und ungewollter Kinderlosigkeit. In seinem Vortrag erprobte BHARADWAJ die Produktivität des Haraway'schen Begriffes "Diffracting" für komplexe Reproduktionsregimes, um "Interferenzmuster" zwischen Reproduktionstechnologien und Traditionen, Mythen sowie neoliberale Formen der Funktionalisierung von Frauenkörpern im Kontext von Sexualität, Kontrolle und Reproduktion zu analysieren.

SHALINI RANDERIA (Institut für Ethnologie, Universität Zürich) unterstrich in ihrem Kommentar die Rolle von scheinbar schwachen Staaten, die in ihren bevölkerungspolitischen Absichten oft besser als "cunning states", listige Staaten zu verstehen seien. In Indien wie anderswo gehe es immer auch um die Frage, welche Kinder beziehungsweise Familien reproduziert werden sollten. Darüber hinaus regte sie an, die Überlegungen zur Emergenz von IVF als globaler Form noch stärker auch auf die Umbrüche und Konjunkturen globaler Bevölkerungspolitiken zu beziehen.

Das letzte Panel des zweiten Workshoptages stand unter dem Motto "Tracing Transnational Scapes of Reproductive Technologies III: Bureaucracies, Ethics and Knowledge". BOB SIMPSON (Sozialanthropologie, Durham University) untersuchte internationale Kollaborationsformen und lokale Strategien zur bioethischen Regulation von Reproduktionstechnologien im von politischen Konflikten zerrissenen Sri Lanka. Aus der Perspektive sri-lankanischer Bioethiker rekonstruierte er die Anstrengungen, in einem von politischen und kulturellen Abhängigkeiten und Ungleichheiten beherrschten Feld eine "national angemessene“ Regulation von Reproduktionstechnologien auszubilden. Die globale Assemblage IVF ist nach Simpson ein reichhaltiges Mosaik von institutionellen Formen und klinischen Praxen, das sich aus dem fortgesetzten Zusammenspiel von Gleichheit und Differenz, Hierarchie und Autonomie entwickelt.

STEFAN BECK (Humboldt-Universität) fragte in seinem Schlussvortrag, wie unterschiedliche Akteure Erfahrungswissen im Kontext transnationaler medizinischer Handlungsräume mobilisieren. Am Beispiel einer türkischen Selbsthilfegruppe für ungewollt Kinderlose, einer zypriotischen Patientenorganisation und spezifischen Formen des "knowledge-fanchising" zwischen US-amerikanischen und türkischen Kliniken rekonstruierte er reflexive Praxen, die den transnationalen Raum der Reproduktionstechnologien und einen neuen "body cosmo-politic" generieren. Beck experimentierte in seinen Beschreibungen und Deutungen transnationaler Praxen und Verbindungen mit den Metaphern des "Wurmsloches", des "Hyperspaces" sowie mit dem Begriff der "gegenstrebigen Fügung". Ziel müsse es sein, transnationale Prozesse nicht mehr im Vergleich oder analog zu Staatenbildungsprozessen und staatlichen Ordnungsmodellen zu untersuchen, sondern ein eigenständiges Vokabular zu ihrer Analyse zu entwickeln. Insofern seien die transnationalen Räume der Reproduktionstechnologien Versuchsanordnungen zur Rekonstruktion spätmoderner Topologien.

MICHAEL SCHILLMEIER (Institut für Soziologie, LMU München) ergänzte diese Beiträge durch einen luziden Kommentar, der unter anderem disziplinäre Stile des Umgangs mit Begriffen und ethnographischer Empirie in Soziologie und Ethnologie verglich und damit nochmals den Bogen zur Eingangsfrage über die Spezifik ethnographischer Wissensproduktion im transnationalen Raum von IVF neu spannte.

Jenseits einer simplen Demonstration von Variantenvielfalt etablierten die ethnographischen Beiträge und die Berichte über multilokale Forschungen in transnationalen Räumen neue Fragestellungen und rückten Dimensionen von In-Vitro-Fertilisation ins Licht die sonst oft übersehen werden. Das betraf vor allem Fragen von Ungleichheit und Macht, aber auch eine generelle Ausweitung der Perspektive aus der empirischen Erfahrung heraus. In der Weitwinkel-Optik der Ethnographie wurden auch Adoption, Abtreibung, Bevölkerungspolitik, Geschlechterordnungen, tradierte Herrschaftsverhältnisse, die rechtliche Situation und ökonomische Bedingungen als bedeutungsvolle Kontexte neuer Reproduktionstechnologien erschlossen. Neue Facetten der In-Vitro-Technologien traten auch dort ans Licht, wo die ethnographische Perspektive mit Fragestellungen nach historischen Genealogien ergänzt wurde. Als globale Form und transnationales scape bilden Reproduktions-Technologien ein produktives Modell, an dem beispielhaft auch methodische und theoretische Anliegen in der Erforschung transnationaler Strukturen weiterentwickelt werden können.

Die Publikation der Konferenzbeiträge ist als englischsprachiger Sammelband im Campusverlag Frankfurt/Main in Kooperation mit der Chicago University Press geplant.


Konferenzübersicht:

Donnerstag, 12. Juni 2008

18:15 Reception and Addresses
Public Keynote Lecture: Sarah Franklin (BIOS-Centre, LSE London)
5 Million Miracle Babies Later: The Cultural Legacy of IVF

Freitag, 13. Juni 2008

09:00-9:30 Introduction to the Subject: Michi Knecht (Humboldt University Berlin)
Ethnographic Knowledge and the Globalization of Reproductive Technologies: Reinvigorating Theory

09:30-11:00 Localizing IVF I: The Cultural Works of Encounters
Michal Nahman (University of Western England, Bristol)
"Embryos are Our Baby": Condensing the Body in Israely Ova Donation

Elizabeth Roberts (University of Michigan)
Institutions that Matter: IVF, Abortion and Reproductive Governance in Ecuador

Discussant: Jeanette Edwards (University of Manchester)
Chair: Stefan Beck (Humboldt University Berlin)


11:30-13:00 Localizing IVF II: National Styles of Governance / Local IVF Cultures

Willemijn de Jong (Zurich University)
The Bad "Child as a Project". Contested Knowledge Practices about IVF in Switzerland

Maren Klotz (Humboldt University Berlin)
Kinship Knowledge‚Management' during Assisted Conception: Reflections on Potential ‚Crosstalk' between Regulation and Local Familial Practices in Germany and the UK

Discussant: Carmel Shalev (University of Tel Aviv)
Chair: Michi Knecht (Humboldt University Berlin)

15:00-17.00 Localizing IVF III: National Styles of Governance/ Local IVF Cultures

Zeynep Gürtin-Broadbent (University of Cambridge)
"Modern Technologies": Infertility, IVF, and the Donor Sperm Taboo in Turkey

Viola Hörbst (LMU München) & Bernhard Hadolt (Institute for Advanced Studies, Vienna)
ART-Practices in Comparative Perspective: Case Studies from Austria and Mali

Discussant: Ferhunde Özbay (Boğaziçi-University Istanbul)
Chair: Sulamith Hamra (Humboldt University Berlin)

18:00-19:00 Open Floor: “Ethnographic Knowledge, the National and the Transnational Regulation of IVF” with statements by Carmel Shalev (University of Tel Aviv), Rajani Bhatia (University of Maryland), Sven Bergmann (Humboldt University Berlin)

Samstag, 14. Juni 2008

9:30-11:00 Tracing the Transnational Scapes of Reproductive Technologies I:
Emergent Forms and Domains of Regulation

Sven Bergmann (Humboldt University Berlin)
The Spatial fix of European Reproduction – Between Forms of Regulation and Practices of Circumvention

Eva-Maria Knoll (AAS, Vienna)
Reproducing Hungarians – Reflections on Fuzzy Boundaries in Reproductive Tourism

Discussant: Shahanah Schmid (BIOS-Centre, LSE London/Zürich)
Chair: Christine Bischof (Humboldt University Berlin)


11:30-13:00 Tracing the Transnational Scapes of Reproductive Technologies II: Accelerated and Restricted Agencies, Asymmetrical Engagements

Marcia Inhorn (University of Michigan)
"Assisted" Motherhood in Global Dubai: Reproductive Tourists and their Nannies

Aditya Bharadwaj (University of Edinburgh)
Diffracting Reproduction: Infertility Encounters, Stratified Reproduction, Surrogacy and New Reproductive Technologies in India

Discussant: Shalini Randeria (Zurich University)
Chair: Babette Müller-Rockstroh (MPI Halle)

14:30-16:00 Tracing the Transnational Scapes of Reproductive Technologies III: Bureaucracies, Ethics and Knowledge

Bob Simpson (Durham University)
Transnationality and Locality in the Regulation of Reproductive Technologies: Holding the "Helping Hand" in Contemporary Sri Lanka

Stefan Beck (Humboldt University Berlin)
Transnational Lab-Benches: Transforming Experience

Discussant: Michael Schillmeier (LMU Munich)
Chair: Tanja Bogusz (Humboldt University Berlin)

16:30-17:00 Final Discussion and Résumé


Literatur:
Appadurai, Arjun (1996): Modernity at Large: Cultural Dimensions of Globalization. Minneapolis: University of Minnesota Press.

Carsten, Jeanette (2007): Constitutive Knowledge. Tracing Trajectories of Information in New Contexts of Relatedness. In: Anthrop. Quarterly, Bd. 80 (29), S. 403-426.

Colen, Shellee (1995): "Like a Mother to Them". Stratified Reproduction and West Indian Childcare Workers and Employes in New York. In: Fay D. Ginsburg / Rayna Rapp (Hg.): Conceiving the New World Order. The Global Politics of Reproduction. Berkeley u.a., S. 78-102.

Franklin, Sarah (1997). Embodied Progress. A Cultural Account of Assistant Conception. London und New York: Routledge.

Franklin, Sarah (2007). Dolly Mixtures. The Remaking of Genealogy. Durham und London 2007.

Strathern, Marilyn (2005): Kinship, Law, and the Unexptected. Relatives Are Always a Surprise. Cambridge University Press.
 

Doktorandentagung Würzburg mit Hamburger Beteiligung

Vom 30. Mai bis 1. Juni fand am Institut für Europäische
Ethnologie/Volkskunde in Würzburg die dritte Doktorandentagung des
Fachverbundes Volkskunde/Europäische Ethnologie/Empirische
Kulturwissenschaft/Kulturanthropologie statt. Nach der Auftaktveranstaltung 2006 in Bonn und der letztjährigen Tagung in München trafen sich diesmal 29 Promovierende aus 16 Universitäten aus dem deutschsprachigen Raum, um in den drei Tagen über aktuelle Promotionsvorhaben, strukturelle Schwierigkeiten und Vernetzungsmöglichkeiten zu diskutieren.

Mit von der Partie waren auch cdie zwei Hamburger PromovendInnen Katrin Petersen und Helle Meister vom Forschungskolleg Kulturwissenschaftliche Technikforschung:

Aus dem Bericht von Daniel Habit (München) auf der kv-Mailingliste:

"Den inhaltlichen Auftakt des ersten Panels "Körper" machte Katrin
Petersen (Hamburg) mit ihrer Arbeit über "Fahrradfahren als 'Körpertechnik'. Technisierung und 'Technizität' des Körpers im Radsport", in der sie nach diskursiven Körperaushandlungen und der Habitualisierung von Körper- und Technikabläufen des "Hybridwesens Fahrradfahrer" fragt. Mit dem Fokus auf der Einschreibung und Zuschreibung von Technik und der Interaktion zwischen Technik und Körper spürt sie den sinnlich-leiblichen Dimensionen des Körpers nach und bezieht ihren eigenen Körper als Experimentierfeld mit in die Beobachtung ein.
(...)
Unter dem Arbeitstitel "Geschichten als Kartografie des
Nicht-Repräsentierbaren" sucht Helle Meister aus Hamburg nach
Hybridgeschichten. Analog zur Vorstellung von Kartografie als der
kleinräumigen Darstellung hochkomplexer Prozesse, werden in
Hybridgeschichten komplexe Erfahrungen - etwa aus interkulturellen Kontakten - oder abstrakte gesellschaftliche Phänomene - wie die Globalisierung - narrativ kommuniziert und individuell bewältigt. Wesentliche Elemente solcher Erzählungen sind unter anderem Momente der Bewegung und des Kontaktes, wobei aus methodischer Sicht gerade das Problem der Erhebung solcher Hybridgeschichten zu diskutieren ist."


PS: Durchaus unterstützenswert:
"Denn inhaltlichen Abschluss des ersten Tages bildete die Diskussion über eine mögliche Vertretung der Doktoranden in der DGV. In seinen einleitenden Worten skizziert Christian Marchetti in seiner Funktion als Geschäftsführer der DGV die Möglichkeiten und Chancen einer Doktorandenvertretung, die in einer regen Diskussion im Plenum abgewogen wurden. Zwischen den Argumentationspunkten Selbstverständnis, Bologna III, Abgrenzungen, Vernetzungen und Informationsfluss kristallisierte sich der Wunsch nach der Wahl eines Doktorandenvertreters heraus. Gerade auch vor dem Hintergrund dass ein Großteil der wissenschaftlichen Arbeit im Fach von Doktoranden getragen wird, erschien dem Plenum diese Entscheidung notwendig und unterstützenswert. Eine Arbeitsgruppe entwirft einen Brief an den Vorstand und den Hauptausschuss mit der Bitte, über dieses Anliegen zu entscheiden."
 

Bristol: Workshop des Media Anthropology Networks

Tilo Grätz ist Mitarbeiter Forschungskollegs Kulturwissenschaftliche Technikforschung und besuchte im September den Workshop des Media Anthropology Networks in Bristol. Hier sein Bericht:

Workshop des Media Anthropology Networks, Tagung der European Association of Social Anthropologists (EASA) „Europe and the World“Bristol, 18.-21.09.2006

von Tilo Grätz

Die EASA Tagung ist inzwischen die größte Tagung der Ethnologen aller regionaler und thematischer Ausrichtung im europäischen Raum. Dies zeigt sich an der Teilnehmerzahl (870 offizielle Teilnehmer), aber auch an der Zahl der Panels und Workshops (102).

Zugleich manifestierte sich eine enorme Themenbreite. Hier soll von den Sitzungen des Media Anthropology Netwerkes berichtet werden. Das Netzwerk gibt es seit 3 Jahren, es ist überaus aktiv auch zwischen den großen Tagungen. Es gibt eine mailing list, regelmäßige E- Seminare, die einen Text diskutieren, sowie eine Webseite mit Tagungshinweisen und einer annotierten Bibliographie. Ab und an werden summer schools organisiert.

In diesem Falle wurden zwei thematische Workshops angeboten. In einem Workshop ging es um understanding media practices, vor allem um theoretische und methodische Zugänge zum Feld. Beiträge eher theoretischer Natur wechselten mit Fallstudien, die aber diese Fragestellung aufgriffen. Der Workshop wurde von John Postill und Birgit Bräuchler organisiert. Postill (Universität Sheffield) beschäftigt sich derzeit mit Internetpraxen in Malaysia, Bräuchler (Asia Resarch Institute, Universität Singapur; vormals Institut für Ethnologie München) arbeitete über Internetnutzung durch Konfliktpartien im Molukkenkonflikt. Das Eingangsreferat von Postill wurde von Mark Hobart, Medienethnologie, diskutiert. Es ging vor allem um die Relevanz des auf Bourdieu bezogenen, mit Alltagspraxen verbundenen Begriffes des Feldes (social field), den Hobart im Gegensatz zu Postil als zu statisch kritisierte. Hobart forderte einen erweiterten theoretischen Ansatz, nicht nur die Erweiterung von Medienstudien um Praxen. Der Beitrag von Daniel Taghioff (London) war ebenfalls eher theoretischer Natur, er fasste die bisherigen Ansätze der Medienanthropologie zusammen und mahnte einen schärferen Kommunikationsbegriff an. Cora Bender (Bremen) beschrieb das Verhältnis von Identität, Musikstilen und Radiosendungen amerikanischer Indianer in lokalen Stationen in den USA. Sie kombinieren die verschiedensten Stile, in denen sich auch Unterschiede zwischen den Generationen zeigen. Diese Radiosendungen sind nach wie vor ein wichtiges Moment der Alltagskultur in der amerikanischen Provinz. Ursula Rao (Halle) sprach über das Verhältnis von Zeitungsjournalisten und Politikern in Indien. Sie argumentierte, dass unterprivilegierte Gruppen über die Presse eine eigene mediale Kultur entwickeln, deren Strategien und Stile sie analysierte. Angela Dressler (Bremen) berichtete über deutsche Auslandskorrespondenten, denen sie an drei verschiedenen Orten nachging. Sie zeigte ihre Alltagszwänge, Strategien und Produktionen in Referenz auf heimisches Publikum und Redaktionen im Unterschied zu Medienproduktionen von Korrespondenten anderer Herkunftsländer, also die kulturelle Prägung von Nachrichtenproduktionen.

Peter Hervik (Malmö) ging am Beispiel des Mohamed - Karikaturenstreits auf den Zusammenhang politischen Kalküls und medialer Produktion ein. Er erläuterte das Wirken von Medienratgebern, spin doctors, die das Verhalten der dänischen Regierung prägten, die auch anderen Ortes von immer größerer Bedeutung sind. Alexander Knorr (München) beschrieb eine besondere Gemeinschaft, die sich vor allem im Internet um ein Computerspiel etabliert und trotz (oder aufgrund) von Krisen verfestigt. Sie besteht seit mehreren Jahren, kann in einen engeren Kreis und – in abnehmender Beteiligung- erweiterten Kreis von Teilnehmern unterteilt werden. Knorr zeigte, dass die Mitglieder des engen Kreises vielfältige Kommunikationswege für intensive Interaktionen nutzen, die auch viele persönliche Bereiche einschließen. Die Beiträge von Elisenda Ardevol (Barcelona) sowie und Steven Hughes (SOAS London) behandelten Alltagspraxen von Nutzern von Videospielen beziehungsweise Kinofilmen.

Im zweiten, kleineren Workshop, der von Monika Rulfs (Bremen) organisiert wurde (mit nur einer Sitzung) ging es um Mediators, d.h. Mittler, Vorreiter, die neue Medien jeweils in besonderer Weise fördern, Verbindungen knüpfen. Postill stellte seine Arbeit über ein internetbasiertes politisch engagiertes Nachbarschaftsnetzwerk in einer Vorstadt, Subang Yaya von Singapur, vor und ging vor allem auf die zentralen Personen ein, die dieses prägen. Oliver Hinkelbein (Bremen) berichtete von Sozialarbeitern, die im Rahmen von speziellen Programmen für ethnische Minderheiten in zwei deutschen Städten eine Art „digitale Integration“ erzielen wollen. Lenie Brouwer (Amsterdam) zeigt am Beispiel von Onlineforen, die von Jugendlichen marokkanischer Herkunft in Holland betrieben werden, wie diese mit Debatten um aktuelle Themen verknüpft sind und Minderheiten eine „Stimme“ geben, aber nicht nur gemeinschaftsstärkenden Charakter haben, sondern potentielle Brücken auch zur Mehrheitsgesellschaft schlagen können. Sie fokussierte auf die Webmaster, die die Foren z.T. moderieren und aufgrund politischer Beobachtung zugleich auf ein Mindestmass an Korrektheit achten müssen.

Auf einem Netzwerktreffen ging es schließlich um Veröffentlichungsvorhaben, die Webpräsenz, nächste work shops und summer schools.
Bei Interesse kann man zunächst die Webseite des Netzwerks konsultieren:
http://www.media-anthropology.net/

Wer enger integriert werden möchte und auf die mailing list möchte, kann sich an John Postill wenden, mit einer kurzen Selbstvorstellung. Über die Mailing - List laufen auch E-Seminare (meist über einen Diskussionstext), die später protokolliert werden
 

CATaC'06 (7) "Warten auf den Bus"

LEGO_1
Für die Fahrt nach Tartu zum Konferenzort der CATaC'06 stand ab Flughafen ein Bus bereit, der uns über 178 Kilometer von Tallin ins Landesinnere brachte. Vorbei ging es an zahlreichen Storchennestern und Bushaltestellen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt war ein kleiner Band hilfreich: "Stop! Warten auf den Bus. Der kleine Reisebegleiter für Estland" von Markus Steinmair. Der Band geht auf eine Ausstellung in Tallin 2004 und im Frühjahr 2006 in Wien zurück. In jedem Fall schärft der Band des Architekten das Auge des Reisenden für jene Bushaltestellen am Straßenrand zwischen Tallin und Tartu. Zugleich liefert der Katalog eine erste Annäherung an die Grunddaten Estlands. Die Wartehäuschen sind also erfasst und inventarisiert. Jetzt fehlt nur noch der Blick auf die Busse und vor allem die mit ihrer Nutzung verbundenen Formen des Reisen und Lebens im Autobus.

Hier die Beschreibung des Katalogs

English Verson scroll down:



STOP! WARTEN AUF DEN BUS

"Nachdem die Ausstellung bereits im Architektur- und Designmuseum in Tallinn (Oktober 2004) zu sehen war, kommt sie nun in neuer und aufgearbeiteter Form endlich nach Wien.

Wir warten einen großen Teil unseres Lebens
(allerdings nicht nur auf den Bus).
Bushaltestellen dienen nicht nur als Haltestelle und Witterungsschutz, sondern auch als sozialer Treffpunkt, als Informationsstelle, als Anschlagtafel und Plakatwand. Sie sind Postamt, Kaffeehaus, Litfasssäule und Schlafplatz in einem.
Als öffentliches „Möbel“ sind sie Identifikation stiftendes Element in der Landschaft. Damit sind sie für den Wartenden wie auch Fahrenden gleichermaßen von Bedeutung.

Das Warten (auf den Bus) ist bestimmt sowohl durch unsere unterschiedlichen Stimmungen und persönlichen Bedürfnisse, als auch durch äußere Einflüsse (Witterung, Umgebung, Geruch…). All diesen Erfordernissen haben Bushaltestellen gerecht zu werden. Sichtbar wird dies auch in der Vielfalt dieser Bauwerke.

Die Ausstellung versucht, die architektonische, landschaftliche und vor allem soziale Bedeutung zu zeigen. Durch verschiedene Herangehensweisen (Foto, Film, Interviews, Zeichnung) ergeben sich unterschiedliche Interpretationsmöglichkeiten und Sichtweisen.

Was brauchen wir, um uns wohl zufühlen?
Was zeichnet einen Ort aus, was macht seine Attraktivität aus?
Wann ist ein Ort sehenswert?

Mit Hilfe von Postkarten, einer Landkarte und Spielkarten werden aus „alltäglichen“ Bushaltestellen Sehenswürdigkeiten. Dies gibt uns die Möglichkeit Orte neu wahrzunehmen und damit vielleicht auch besser zu verstehen."


ENGLISH VERSION:

"STOP! WAITING FOR THE BUS

Everything you ever wanted to know about Estonian bus shelters.

We are spending a great part of our lives waiting for
something. (not only for the bus).

Bus stations don’t serve only as bus stops and shelter from weather, but also as social meeting point, as info point, as notice board and billboard. They are post office, coffee house, advertising pillar and sleeping place all in one.
As “public furniture” they are an identification founding element in the landscape. That means they are of importance for people waiting for the bus as well as for people driving by.

Different moods and personnel needs as well as external influences (weather, environment, smell…) determine the waiting (for the bus).Bus stations have to meet all these necessities. That becomes visible in the variety of these buildings.

This exhibition tries to show the architectonic, environmental and most of all social importance of bus stations. Using various approaching methods (photo, film, interview, drawing) the visitor may perceive different interpretation possibilities and perspectives.

What do we need to feel good?
What is characteristic for a place, what determines its attractiveness?
When can we say a place is worth seeing?

With post cards, a tourist map and playing cards “ordinary” bus stations become sights and tourist attractions. This gives us the possibility to perceive places in a new way and maybe also to understand them better."
 

CATaC06 (6): Towards produsage, produser or Prodnutzer

Ein interessanter Beitrag auf der CATaC06-Konferenz von gestern ist noch nachzutragen. Der Vortrag „Towards produsage: Future for user-led content production“ von Axel Bruns (Queensland University of Technology, Brisbane, Australia) wurde bereits im Zusammenhang des CfP zu "Prosumer Cultures" für die Kasseler Interfiction kurz angesprochen. (Proceedings, S. 275-284)

Axel Bruns setzte sich zunächst mit den definitorischen Versuchen auseinander, die im Kontext von „user-led content production“ gegenwärtig zu finden sind. Ihm geht es um jenen „ongoing paradigm shift“ von einem „industrial-style content production“ zu etwas, was er als „Produsage“ bezeichnet: „The collaborative, iterative, and user-led production of content by participants in a hybrid user-producer, or produser role (S. 275).

Axel Bruns Ziel war das Herausarbeiten der zentralen Charakteristiken dessen was er unter produsage bzw. produsers versteht. Explizit erwähnte er eine deutschsprachige Version seines Begriffes, dem Prodnutzer.

"Produsage is become increasingly widespread, under varous gusises (Web2.0, social software, open collaborative environments."

Zunächst grenzte er seinen Begriff des produsers von Alwin Tofflers Begriff des prosumers und anderen Versuch den Paradigmenwechsel auf den Begriff zu bringen, ab: „Such models reamin somewhath limited still, however, in their maintenance of a traditionsl industrial value production chain: they retain a producer -> distributor -> consumer dichtomy“ (S. 275). Soweit ist das nachvollziehbar. Bloss seine positive Referenz auf feuilletonistische Labels wie „Generation C“ (S. 276) will unsereins nicht wirklich überzeugen. Solche "Brands" aus der Trend“forschung“ reproduzieren die Mythen, die eigentlich zu analysieren wären. Aber das wäre hier nicht zentral, wenn solche Bezeichnungen wie „Generation Golf“ etc. nicht genau jene Diskussionen hervorufen würden, die dann im Anschluss an den Vortrag geführt wurden. Der Geltungsanspruch solcher Bezeichnungen lässt sich trefflich immer wieder in Frage stellen, weil die Akteure, die in dieser Weise beschrieben werden sollen, allenfalls einen Teil der Gesellschaft zutreffend beschreiben (nicht analysieren).

In diesem Zusammenhang wies Eileen Lübcke (Institut für Technik und Bildung (ITB) der Universität Bremen) zurecht darauf hin, dass es gerade im Kontext von online-Games eine ganze Reihe alter, traditionaler (industriellen) Formen der content-Produktion gibt. Sie erinnerte an Online-Games, deren Inhalte eher unter „Sweatshop“-Bedingungen „produziert“ werden, denn dass man hier von produsage sprechen kann. By the way erinnert dies an die Arbeitsbedingungen in einem noch weniger spielerischen Kontext, nämlich den Call-Centern.

Aber was heißt das nun für den Vorschlag von Axel Bruns. Er selbst wies auf die Hybridität der Situation hin, in der neben dem Neuen immer auch das Traditionale vorhanden ist. Oder um es mit Ernst Bloch zu sagen: „Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen.“

Vielleicht wäre es hilfreich solche Konzepte tatsächlich eher in einem programmatischen Sinne zu verwenden. Dann geht es nicht mehr um die Beschreibung von 'Wirklichkeit', sondern um das Erfassen einer (historischen) Tendenz. In einer historisch informierten Perspektive lässt sich nämlich auf die Industrialisierung der Landwirtschaft verweisen, und ähnliches dürfte sich im gegenwärtigen Postfordismus in sehr unterschiedlichen Sektoren oder Branchen ereignen. Insofern wären Begriffe wie produser oder produsage als eine Art Leitbild zu verstehen, die ein Ideal auf den Punkt bringen.

Unter "Further Implications" hinsichtlich "Education" verweist Axel Bruns auf den
  • "Need for new approaches to educationg ‘Generation C’
  • Focus on collaborative, creative, critical, and communicative capacities of learners"

Hier ist die Frage ob es sich nicht genau andersherum verhält. Das was unter den Begriffen "Wissensgesellschaft", immaterielle Arbeit oder Postfordismus firmiert, basiert zu einem nicht geringen Teil auf dem was Axel Bruns als produsage beschrieben hat. Auch das Selbstverständnis Träger der der Alternativökonomie in den 80er Jahren fließt gegenwärtig in den zunehmenden Prozess der "Subjektivierung von Arbeit" ein. Insofern stimmt es, dass das sich wandelnde Produktionsmodell auf den beschriebenen Qualifikationen aufsetzt. Aber Ich würde es genau anders herum sehen. Es ist das menschliche Arbeitsvermögen der Subjekte, dass diese Tendenzen erst möglich macht. Ein kleiner, aber feiner Unterschied und von der Perspektive her ein Unterschied ums Ganze.

In jedem Fall sehr anregend der Beitrag.
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