Konferenzberichte

 

Bristol: Workshop des Media Anthropology Networks

Tilo Grätz ist Mitarbeiter Forschungskollegs Kulturwissenschaftliche Technikforschung und besuchte im September den Workshop des Media Anthropology Networks in Bristol. Hier sein Bericht:

Workshop des Media Anthropology Networks, Tagung der European Association of Social Anthropologists (EASA) „Europe and the World“Bristol, 18.-21.09.2006

von Tilo Grätz

Die EASA Tagung ist inzwischen die größte Tagung der Ethnologen aller regionaler und thematischer Ausrichtung im europäischen Raum. Dies zeigt sich an der Teilnehmerzahl (870 offizielle Teilnehmer), aber auch an der Zahl der Panels und Workshops (102).

Zugleich manifestierte sich eine enorme Themenbreite. Hier soll von den Sitzungen des Media Anthropology Netwerkes berichtet werden. Das Netzwerk gibt es seit 3 Jahren, es ist überaus aktiv auch zwischen den großen Tagungen. Es gibt eine mailing list, regelmäßige E- Seminare, die einen Text diskutieren, sowie eine Webseite mit Tagungshinweisen und einer annotierten Bibliographie. Ab und an werden summer schools organisiert.

In diesem Falle wurden zwei thematische Workshops angeboten. In einem Workshop ging es um understanding media practices, vor allem um theoretische und methodische Zugänge zum Feld. Beiträge eher theoretischer Natur wechselten mit Fallstudien, die aber diese Fragestellung aufgriffen. Der Workshop wurde von John Postill und Birgit Bräuchler organisiert. Postill (Universität Sheffield) beschäftigt sich derzeit mit Internetpraxen in Malaysia, Bräuchler (Asia Resarch Institute, Universität Singapur; vormals Institut für Ethnologie München) arbeitete über Internetnutzung durch Konfliktpartien im Molukkenkonflikt. Das Eingangsreferat von Postill wurde von Mark Hobart, Medienethnologie, diskutiert. Es ging vor allem um die Relevanz des auf Bourdieu bezogenen, mit Alltagspraxen verbundenen Begriffes des Feldes (social field), den Hobart im Gegensatz zu Postil als zu statisch kritisierte. Hobart forderte einen erweiterten theoretischen Ansatz, nicht nur die Erweiterung von Medienstudien um Praxen. Der Beitrag von Daniel Taghioff (London) war ebenfalls eher theoretischer Natur, er fasste die bisherigen Ansätze der Medienanthropologie zusammen und mahnte einen schärferen Kommunikationsbegriff an. Cora Bender (Bremen) beschrieb das Verhältnis von Identität, Musikstilen und Radiosendungen amerikanischer Indianer in lokalen Stationen in den USA. Sie kombinieren die verschiedensten Stile, in denen sich auch Unterschiede zwischen den Generationen zeigen. Diese Radiosendungen sind nach wie vor ein wichtiges Moment der Alltagskultur in der amerikanischen Provinz. Ursula Rao (Halle) sprach über das Verhältnis von Zeitungsjournalisten und Politikern in Indien. Sie argumentierte, dass unterprivilegierte Gruppen über die Presse eine eigene mediale Kultur entwickeln, deren Strategien und Stile sie analysierte. Angela Dressler (Bremen) berichtete über deutsche Auslandskorrespondenten, denen sie an drei verschiedenen Orten nachging. Sie zeigte ihre Alltagszwänge, Strategien und Produktionen in Referenz auf heimisches Publikum und Redaktionen im Unterschied zu Medienproduktionen von Korrespondenten anderer Herkunftsländer, also die kulturelle Prägung von Nachrichtenproduktionen.

Peter Hervik (Malmö) ging am Beispiel des Mohamed - Karikaturenstreits auf den Zusammenhang politischen Kalküls und medialer Produktion ein. Er erläuterte das Wirken von Medienratgebern, spin doctors, die das Verhalten der dänischen Regierung prägten, die auch anderen Ortes von immer größerer Bedeutung sind. Alexander Knorr (München) beschrieb eine besondere Gemeinschaft, die sich vor allem im Internet um ein Computerspiel etabliert und trotz (oder aufgrund) von Krisen verfestigt. Sie besteht seit mehreren Jahren, kann in einen engeren Kreis und – in abnehmender Beteiligung- erweiterten Kreis von Teilnehmern unterteilt werden. Knorr zeigte, dass die Mitglieder des engen Kreises vielfältige Kommunikationswege für intensive Interaktionen nutzen, die auch viele persönliche Bereiche einschließen. Die Beiträge von Elisenda Ardevol (Barcelona) sowie und Steven Hughes (SOAS London) behandelten Alltagspraxen von Nutzern von Videospielen beziehungsweise Kinofilmen.

Im zweiten, kleineren Workshop, der von Monika Rulfs (Bremen) organisiert wurde (mit nur einer Sitzung) ging es um Mediators, d.h. Mittler, Vorreiter, die neue Medien jeweils in besonderer Weise fördern, Verbindungen knüpfen. Postill stellte seine Arbeit über ein internetbasiertes politisch engagiertes Nachbarschaftsnetzwerk in einer Vorstadt, Subang Yaya von Singapur, vor und ging vor allem auf die zentralen Personen ein, die dieses prägen. Oliver Hinkelbein (Bremen) berichtete von Sozialarbeitern, die im Rahmen von speziellen Programmen für ethnische Minderheiten in zwei deutschen Städten eine Art „digitale Integration“ erzielen wollen. Lenie Brouwer (Amsterdam) zeigt am Beispiel von Onlineforen, die von Jugendlichen marokkanischer Herkunft in Holland betrieben werden, wie diese mit Debatten um aktuelle Themen verknüpft sind und Minderheiten eine „Stimme“ geben, aber nicht nur gemeinschaftsstärkenden Charakter haben, sondern potentielle Brücken auch zur Mehrheitsgesellschaft schlagen können. Sie fokussierte auf die Webmaster, die die Foren z.T. moderieren und aufgrund politischer Beobachtung zugleich auf ein Mindestmass an Korrektheit achten müssen.

Auf einem Netzwerktreffen ging es schließlich um Veröffentlichungsvorhaben, die Webpräsenz, nächste work shops und summer schools.
Bei Interesse kann man zunächst die Webseite des Netzwerks konsultieren:
http://www.media-anthropology.net/

Wer enger integriert werden möchte und auf die mailing list möchte, kann sich an John Postill wenden, mit einer kurzen Selbstvorstellung. Über die Mailing - List laufen auch E-Seminare (meist über einen Diskussionstext), die später protokolliert werden
 

CATaC'06 (7) "Warten auf den Bus"

LEGO_1
Für die Fahrt nach Tartu zum Konferenzort der CATaC'06 stand ab Flughafen ein Bus bereit, der uns über 178 Kilometer von Tallin ins Landesinnere brachte. Vorbei ging es an zahlreichen Storchennestern und Bushaltestellen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt war ein kleiner Band hilfreich: "Stop! Warten auf den Bus. Der kleine Reisebegleiter für Estland" von Markus Steinmair. Der Band geht auf eine Ausstellung in Tallin 2004 und im Frühjahr 2006 in Wien zurück. In jedem Fall schärft der Band des Architekten das Auge des Reisenden für jene Bushaltestellen am Straßenrand zwischen Tallin und Tartu. Zugleich liefert der Katalog eine erste Annäherung an die Grunddaten Estlands. Die Wartehäuschen sind also erfasst und inventarisiert. Jetzt fehlt nur noch der Blick auf die Busse und vor allem die mit ihrer Nutzung verbundenen Formen des Reisen und Lebens im Autobus.

Hier die Beschreibung des Katalogs

English Verson scroll down:



STOP! WARTEN AUF DEN BUS

"Nachdem die Ausstellung bereits im Architektur- und Designmuseum in Tallinn (Oktober 2004) zu sehen war, kommt sie nun in neuer und aufgearbeiteter Form endlich nach Wien.

Wir warten einen großen Teil unseres Lebens
(allerdings nicht nur auf den Bus).
Bushaltestellen dienen nicht nur als Haltestelle und Witterungsschutz, sondern auch als sozialer Treffpunkt, als Informationsstelle, als Anschlagtafel und Plakatwand. Sie sind Postamt, Kaffeehaus, Litfasssäule und Schlafplatz in einem.
Als öffentliches „Möbel“ sind sie Identifikation stiftendes Element in der Landschaft. Damit sind sie für den Wartenden wie auch Fahrenden gleichermaßen von Bedeutung.

Das Warten (auf den Bus) ist bestimmt sowohl durch unsere unterschiedlichen Stimmungen und persönlichen Bedürfnisse, als auch durch äußere Einflüsse (Witterung, Umgebung, Geruch…). All diesen Erfordernissen haben Bushaltestellen gerecht zu werden. Sichtbar wird dies auch in der Vielfalt dieser Bauwerke.

Die Ausstellung versucht, die architektonische, landschaftliche und vor allem soziale Bedeutung zu zeigen. Durch verschiedene Herangehensweisen (Foto, Film, Interviews, Zeichnung) ergeben sich unterschiedliche Interpretationsmöglichkeiten und Sichtweisen.

Was brauchen wir, um uns wohl zufühlen?
Was zeichnet einen Ort aus, was macht seine Attraktivität aus?
Wann ist ein Ort sehenswert?

Mit Hilfe von Postkarten, einer Landkarte und Spielkarten werden aus „alltäglichen“ Bushaltestellen Sehenswürdigkeiten. Dies gibt uns die Möglichkeit Orte neu wahrzunehmen und damit vielleicht auch besser zu verstehen."


ENGLISH VERSION:

"STOP! WAITING FOR THE BUS

Everything you ever wanted to know about Estonian bus shelters.

We are spending a great part of our lives waiting for
something. (not only for the bus).

Bus stations don’t serve only as bus stops and shelter from weather, but also as social meeting point, as info point, as notice board and billboard. They are post office, coffee house, advertising pillar and sleeping place all in one.
As “public furniture” they are an identification founding element in the landscape. That means they are of importance for people waiting for the bus as well as for people driving by.

Different moods and personnel needs as well as external influences (weather, environment, smell…) determine the waiting (for the bus).Bus stations have to meet all these necessities. That becomes visible in the variety of these buildings.

This exhibition tries to show the architectonic, environmental and most of all social importance of bus stations. Using various approaching methods (photo, film, interview, drawing) the visitor may perceive different interpretation possibilities and perspectives.

What do we need to feel good?
What is characteristic for a place, what determines its attractiveness?
When can we say a place is worth seeing?

With post cards, a tourist map and playing cards “ordinary” bus stations become sights and tourist attractions. This gives us the possibility to perceive places in a new way and maybe also to understand them better."
 

CATaC06 (6): Towards produsage, produser or Prodnutzer

Ein interessanter Beitrag auf der CATaC06-Konferenz von gestern ist noch nachzutragen. Der Vortrag „Towards produsage: Future for user-led content production“ von Axel Bruns (Queensland University of Technology, Brisbane, Australia) wurde bereits im Zusammenhang des CfP zu "Prosumer Cultures" für die Kasseler Interfiction kurz angesprochen. (Proceedings, S. 275-284)

Axel Bruns setzte sich zunächst mit den definitorischen Versuchen auseinander, die im Kontext von „user-led content production“ gegenwärtig zu finden sind. Ihm geht es um jenen „ongoing paradigm shift“ von einem „industrial-style content production“ zu etwas, was er als „Produsage“ bezeichnet: „The collaborative, iterative, and user-led production of content by participants in a hybrid user-producer, or produser role (S. 275).

Axel Bruns Ziel war das Herausarbeiten der zentralen Charakteristiken dessen was er unter produsage bzw. produsers versteht. Explizit erwähnte er eine deutschsprachige Version seines Begriffes, dem Prodnutzer.

"Produsage is become increasingly widespread, under varous gusises (Web2.0, social software, open collaborative environments."

Zunächst grenzte er seinen Begriff des produsers von Alwin Tofflers Begriff des prosumers und anderen Versuch den Paradigmenwechsel auf den Begriff zu bringen, ab: „Such models reamin somewhath limited still, however, in their maintenance of a traditionsl industrial value production chain: they retain a producer -> distributor -> consumer dichtomy“ (S. 275). Soweit ist das nachvollziehbar. Bloss seine positive Referenz auf feuilletonistische Labels wie „Generation C“ (S. 276) will unsereins nicht wirklich überzeugen. Solche "Brands" aus der Trend“forschung“ reproduzieren die Mythen, die eigentlich zu analysieren wären. Aber das wäre hier nicht zentral, wenn solche Bezeichnungen wie „Generation Golf“ etc. nicht genau jene Diskussionen hervorufen würden, die dann im Anschluss an den Vortrag geführt wurden. Der Geltungsanspruch solcher Bezeichnungen lässt sich trefflich immer wieder in Frage stellen, weil die Akteure, die in dieser Weise beschrieben werden sollen, allenfalls einen Teil der Gesellschaft zutreffend beschreiben (nicht analysieren).

In diesem Zusammenhang wies Eileen Lübcke (Institut für Technik und Bildung (ITB) der Universität Bremen) zurecht darauf hin, dass es gerade im Kontext von online-Games eine ganze Reihe alter, traditionaler (industriellen) Formen der content-Produktion gibt. Sie erinnerte an Online-Games, deren Inhalte eher unter „Sweatshop“-Bedingungen „produziert“ werden, denn dass man hier von produsage sprechen kann. By the way erinnert dies an die Arbeitsbedingungen in einem noch weniger spielerischen Kontext, nämlich den Call-Centern.

Aber was heißt das nun für den Vorschlag von Axel Bruns. Er selbst wies auf die Hybridität der Situation hin, in der neben dem Neuen immer auch das Traditionale vorhanden ist. Oder um es mit Ernst Bloch zu sagen: „Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen.“

Vielleicht wäre es hilfreich solche Konzepte tatsächlich eher in einem programmatischen Sinne zu verwenden. Dann geht es nicht mehr um die Beschreibung von 'Wirklichkeit', sondern um das Erfassen einer (historischen) Tendenz. In einer historisch informierten Perspektive lässt sich nämlich auf die Industrialisierung der Landwirtschaft verweisen, und ähnliches dürfte sich im gegenwärtigen Postfordismus in sehr unterschiedlichen Sektoren oder Branchen ereignen. Insofern wären Begriffe wie produser oder produsage als eine Art Leitbild zu verstehen, die ein Ideal auf den Punkt bringen.

Unter "Further Implications" hinsichtlich "Education" verweist Axel Bruns auf den
  • "Need for new approaches to educationg ‘Generation C’
  • Focus on collaborative, creative, critical, and communicative capacities of learners"

Hier ist die Frage ob es sich nicht genau andersherum verhält. Das was unter den Begriffen "Wissensgesellschaft", immaterielle Arbeit oder Postfordismus firmiert, basiert zu einem nicht geringen Teil auf dem was Axel Bruns als produsage beschrieben hat. Auch das Selbstverständnis Träger der der Alternativökonomie in den 80er Jahren fließt gegenwärtig in den zunehmenden Prozess der "Subjektivierung von Arbeit" ein. Insofern stimmt es, dass das sich wandelnde Produktionsmodell auf den beschriebenen Qualifikationen aufsetzt. Aber Ich würde es genau anders herum sehen. Es ist das menschliche Arbeitsvermögen der Subjekte, dass diese Tendenzen erst möglich macht. Ein kleiner, aber feiner Unterschied und von der Perspektive her ein Unterschied ums Ganze.

In jedem Fall sehr anregend der Beitrag.
 

CATaC06 (5): e-Estonia - Mythos und Wirklichkeit (Part II)

Wenn Marju Lauristin in ihrer Keynote den Mythos vom Tigerleap zwar regelrecht dekonstruierte, so muss jetzt doch noch etwas zu sagenhaften estnischen öffentlichen Library Internet-Infrastruktur angemerkt werden. In zahlreichen Restaurants, Gästehäusern (z.B. auch in meinem) gibt es in Tartu allgemein öffentlich zugängliche Wireless Lan-Zugänge. Und das meist ohne Passwort, wie etwa auch im Konferenzgebäude der CATaC 06, in der Universitätsbibliothek (Abb. rechts).
Allerorten sehen wir auf oder vor den Gebäuden diese Hinweisschilder mit der zweisprachigen Aufschrift "Area of Wireless Internet - Traadita Interneti leviala". e-Estonia ist dann nicht mehr nur ein Mythos, sondern ganz materiell existent.

wifi ee

Wilde
Während des Fußballspiels Argentinien - Deutschland im Oscar-Wilde-Irish-Pub (Abb. links) warfen wir das Laptop an und versuchten herauszukriegen, was gerade in Deutschland abgeht. Zudem hatte das estnische Fernsehen die Rauferei nach Ende des Spiels rigoros ausgeblendet, so vermochten wir ein wenig mehr Klarheit über die Geschehnisse erlangen. Ziemlich chic so ein WiFi-Zugang während dem Public Viewing.

CATaC06 (4): The Wiki Revolution

Sehr interessant – gerade auch im Rahmen des Forschungskollegs Kulturwissenschaftliche Technikforschung – war heute Morgen der Beitrag der kanadischen Kollegin Leah P. MacFadyen über die so genannte Wiki-Revolution. Leah P. MacFadyen (University of British Columbia) verwies wie andere RednerInnen ebenfalls auf die Keynote von Marju Lauristin und betonte, sinngemäß, die Notwendigkeit der Veränderung soziokultureller Praxen für das Wirksamwerden des sozialen Potenzials von Technik, in diesem Fall: der Wiki-Technik: „Wikis just as example for Open Content-Technologies.“

Der Titel ihres Vortrags von Leah P. MacFadyen lautete:
„In a world of Text, ist the Author King? The revolutionary potential of Wiki (Open Content) Technologies.” (Im Konferenzband: S. 285-298)

Eingangs ging sie nochmals auf die Rhetorik der Medien- bzw. Internet-Revolutionen ein.

“I argue that in spite of early revolutionary claims, simple Internet connectivity has not brought about an radical break with the values and power structures of modernity, but that to date, the Internet represents, “a technical materialization of modern ideals” (Lévy. Kollektive Intelligenz). I suggest however, that recently emerging Internet-dependent open content and poen source technologies promise to fulfill some of these earlier revolutionary claims by decentralising production of online information, and challenging current definitions of ‚authorative’ knowledge“ (Proceedings, S. 286).

Sie geht von der These aus: „I suggest, then, that regardless of early rhetoric, and until very recentlly, Internet technologies have failed to meet even minimal definitions that woludl constitute them as revolutionary.” (S. 288).

Hinsichtlich der „Wiki-Revolution“ (S. 290 ff.) verhält es sich für sie nicht anders.

Nach der Relativierung der Revolutionserzählungen (Revolution definierte sie in Anlehnung an P.A. Schouls (1998) Kriterien: 1. Radical novelty, 2. Illegality/illegitimacy and 3. promotion of a conception of human freedom).

Zugleich räumte sie mit der Behauptung auf und konstatierte: „Wikis are usually not anarchy.“ Sie basieren sehr wohl auf Regeln bzw. Regelwerk.

Ohne dem Beitrag allzu sehr vorzugreifen, zum Abschluss des Berichts über diesen Beitrag das Summary der Präsentation von Leah P. MacFadyen im Hinblick auf „the revolutionary narrative“. (S. 296 ff.):

- New possibilities for knowldege construction
- New metrics for authority, accuracy and credibility
- Removing control of information from the minority
- Disconntecting Knowldege production form the liberal free market economy

In der Diskussion ging es dann leider doch wieder nur um Wikipedia, obwohl das Spannende der Wiki-Technik doch jenseits von Wikipedia anzusiedeln ist. Bisher gibt es kaum Texte zur alltäglichen Nutzung von Wikis. Ein Bericht über den Einsatz im Seminarbetrieb meiner Kollegin Anneke Wolf findet sich Hamburger Vokus (Nr. 2/2005). In welcher Weise nun die Narrative über die Wiki-Revolution zu beurteilen sind, lässt sich weniger anhand Wikipedia beurteilen, als vielmehr in welcher Weise das Enabling-Potenzial der Wikis in der Praxis tatsächlich genutzt wird. Mein Vorschlag zur Beschreibung und Analyse dieses Zusammenhangs lässt sich ebenfalls in diesem Band nachlesen.

CATaC06 (3): Das CATaC-Wiki

This wiki offers a place for collaborative thinking and writing by the CATaC community: researchers, thinkers and writers who participate in "Cultural Attitudes to Technology and Communication" conferences.

CATaC06 (2): Proceedings bereits zur Konferenz erschienen

Zu Beginn der Catac 06-Konferenz lag der Konferenzband bereits vor und wurde uns bei der Registration-Prozedur in die Hand gedrückt.

Sudweeks, Fay/Hrachovec, Fay/Ess, Charles (Hg.): Cultural Attitudes towards Technology and Communication 2006. Proceedings of the Fifth international conference on Cultural Attitudes towards Technology and Communication Tartu, Estonia, 28 June-1 July 2006. Murdoch 2006.


Darüber - dass es doch bemerkenswert und durchaus hilfreich sei, dass die Proceedings schon zu Konferenz vorliegen - die Vorträge lassen sich zeitnah nachlesen und die AutorInnen sind noch verfügbar für eine Diskussion oder Unterhaltung - unterhielt ich mich zu Beginn der Konferenz mit Herbert Hrachovec, Program Chair der CATaC06 und Mitherausgeber der "Proceedings".

Er bezeichnete diese Entwicklung als zumindest ambivalent. Immerhin sei mit dem Erscheinen der Proceeddings die Konferenz tatsächlich abgeschlossen. Umfangreiche - inhaltliche - Nacharbeiten würden sich erledigen. Im angelsächsischen Sprachraum setze sich diese Tendenz immer mehr durch. Es würden keine Sammelbände mehr veröffentlicht, sondern eben "Proceedings". Schließlich würden auf diese Weise die Verlage umgangen. Finanziert werde das Ganze nunmehr durch die Konferenzbeiträge der Teilnehmer.
Im Hinblich auf die inhaltlich Verantwortung gehe zudem die Bedeutung der Herausgeber zurück, weil die Auswahl nunmehr bei den Programm Chairs bzw. der Reviewer liege. Nun kann man gespannt sein, ob sich so eine Tendenz auch im deutschsprachigen Kontext durchsetzen wird.

(Derzeit gibt es noch keinen Online-Hinweis auf den Band, wird sobald vorhanden, nachgereicht)

"The paper in this volume represent Catac06 conference. The conference „seek to bring together, in an interdisciplinary dialogue, current insights on how diverse cultural attitudes shape the implementation and use of information and communication technologies (ICTs).“ (Preface)


Der Band umfasst stolze 710 Seiten (verfaßt von insgesamt 100 AutorInnen) und bildet die gesamte Konferenz ab. Die einzelnen Kapitel beschäftigen sich mit folgenden Themen:

Cultural Diversity,
Technology and Informations Transfer,
Politics, Media and Technologies,
Educational Design,
Collaborative Web Environments,
Status, Meaning and Mediation,
Indigenous and Minority Languages,
Mediated Prescence,
Culture and the Online Classroom,
Gender and Identity,
Knowledge and Culture Sharing,
Youth and Mobile Technologies,
Ethics, Justice and Social Change
and last but not least: „Lost in Translation“.

Mal sehen, ob hier die Zeit langt, den einen oder anderen Beitrag noch zu kommentieren.

CATaC 06: Marju Lauristin über e-Estonia „Tiger turn to be a frog“

Gestern begann die internationale CATAC 06 an der Universität Tartu (Estland).

Keynote Speakerin war die "große estnische Sozialde-
mokratin
" Marju Lauristin ("Grand Old Lady der estnischen Politik"):

„From Post-Communism to E-Society: Mythologies and Realities“

Tigerleap

„In my presentation I shall give an insight into Estionia experience of post-Soviet transformation from the perspective of the role of ICTG in the formation of new national aspirations, self-perceptions and opportunities for People“.

Das war einmal eine ansprechende Eröffnung der CATAC-06-Konferenz. Keynote-Speakter Marju Lauristin („Professor Emeritus of Communication at Tartu University“) gelang in einer sehr ansprechenden Form ein durchaus programmatischer Wurf.

Anhand dem Beispiel Estlands entwickelte sie ihr Verständnis des Informatisierungsprozesses und seiner gesellschaftlichen Implikationen. [Eingangs betonte sie, dass auch in ihrer Universität die Mikrostudien sehr populär seien, sie ungeachtet dessen, in ihrem Beitrag eher die Makroperspektive einnehmen wolle.] Leider ist gerade dieser Beitrag nicht in dem umfangreichen Konferenz-Reader enthalten.

Marju Lauristin erinnerte zunächst an die Zeit der Sowjetunion, in der beispielsweise Daniel Bells Buch über die postindustrielle Gesellschaft (Die nachindustrielle Gesellschaft. Reinbek bei Hamburg 1979) nur im Giftschrank in einer Moskauer Bibliothek einsehbar war. Sie betonte die notwendig formalen Voraussetzungen und bürokratischen Hindernisse für sowjetische Forscher um ein Buch wie das von Bell einsehen zu können. Es kam auf den Vorwand an. In ihrem Fall musste die Forschung die Kritik des bürgerlichen Denkens zum Ziel haben. Noch interessanter allerdings war ihre Begründung, warum jemand wie Daniel Bell in der SU ein „forbidden author“ gewesen sei. Der Technikdeterminismus der marxistisch-lenistischen Ideologie war nämlich dem von Bell entgegengesetzt. Man glaubte damals in der SU, dass Technik bzw. Ihre Nutzung die Gesellschaft nicht verändern werde bzw. Keine Auswirkungen auf die Gesellschaft nach sich ziehen würde. Bei Daniel Bell war es genau andersherum. Er glaubt an die grundlegenden gesellschaftlichen Implikationen von Technik.

Das eigentliche Thema ihres Plenumsvortrages zielte aber auf die gesellschaftliche Entwicklung Estlands und die Rolle von ICT. Zunächst beschrieb sie die Rahmenbedingungen wie die „Ideologoy of Transition“ oder der „catch-up-the-West“-Diskurs, die überaus kompatibel zu den europäischen Diskursen über die „Informationsgesellschaft“ gewesen seien. Eine überaus „success-centered transition culture“ , eine Orientierung „according to standardized international indicators“, der Diskurs über „winners and looser“ sowie die Anschlussfähigkeit des Informationsgesellschafts-Diskurses „as an opportunity to make a shortcut to success“ gehörten zu den Rahmenbedingungen der Herausbildung von „e-Estonia“. In diesem Zusammenhang spricht sie von der „Mythology of 'e-Tigerleap'“.

Im Zusammenhang mit den Mythen über e-Estonia stellt sie fest, dass es in der Tat eine vergleichsweise gut ausgebildete ICT-Infrastruktur gebe, dass aber hinsichtlich ihrer Nutzung relativ unterentwickelte Praxen zu verzeichnen sind (Im Hinblick auf das berühmte „Empowerment of Groups“ fragte sie unter anderem: „What can do the groups with the new power?“)

Ein ebenfalls interessanter Aspekt war ihr Hinweis auf die Verknüpfung der sozialen Selbstwahrnehmung mit ihrer Internetnutzung. Tatsächlich fühlen sich multifunktional nutzende Internetnutzer in Estland weit mehr sozial herausgehoben, als andere: „It's not access, it's what you do.“ Offenbar korrelieren nicht mehr der reine Zugang („access is universal“) und Statusgefühl. Das entspricht zugleich der momentan sich allgemein vollziehenden Umorientierung der internationalen „Digital Divide“-Forschung weg von einer Perspektive auf den bloßen Zugang, hin zu einem Focus in Bezug auf die unterschiedlichen Art und Weisen das Internet zu nutzen.

Am Beispiel von Schule und Politik, die in Estland jeweils „well ICT-advanced“ unterstreicht sie gleichermaßen jene schon länger bestehende Erkenntnis, dass die Potenziale von Technik erst zur Entfaltung kommen können, wenn sie mit "organisational changement and social innovation" einhergehen. Im Falle Estlands bestehe aber das Problem, dass hierzu keine Wille bestehe. Nun sehen wir, dass Estlands zwar erfolgreich war, die technische Infrastruktur einzurichten, dass sie aber nicht wirklich bespielt werden kann. Im Anschluss an die Beschreibung der Diskurse und der Rahmenbedingungen verwies sie darauf, wie schließlich der „Tiger turn to be a frog“. Die Quintessenz ihrer Analyse lieferte wiederum der Technikdeterminist Daniel Bell (1973), der immerhin vor über dreißig Jahren betonte, dass die Probleme der post-industriellen Gesellschaft nicht in der Technik begründet seien, sondern politisch sind.
Ein Weblog mit Informationen und Meinungen rund um Fragen der Kulturwissenschaftlichen Technikforschung

User Status

Du bist nicht angemeldet.
Aktuelle Beiträge

ORF-Sendung Matrix über...
Anlässlich der jüngsten Ausgabe der Netzkultur-Sendung...
TK-Kolleg - 5. Mai, 21:30
Museen für Kommunikation...
Museumsstiftung Post und Telekommunikation Die Museumsstiftung...
kschoenberger - 30. Apr, 18:33
Meinungen über Technik...
nannte sich 1995-1997 ein Studienforschungsprojekt.. .
kschoenberger - 30. Apr, 15:18
Heute abend, 21 Uhr auf...
Dienstag, 29. April 2008 um 21.00 Uhr, ARTE Wiederholungen...
kschoenberger - 29. Apr, 12:25
Magisterarbeit online:...
Unter der Überschrift "Für mehr Technikforschung:...
kschoenberger - 28. Apr, 18:59
Suche

 
Publikationen aus dem Forschungskolleg






Gerrit Herlyn
Deutungsmuster und Erzählstrategien bei der Bewältigung beruflicher Krisenerfahrungen In: Seifert, Manfred/Götz, Irene/Huber, Birgit (Hg.): Flexible Biographien. Horizonte und Brüche im Arbeitsleben der Gegenwart. Frankfurt u. a. 2007, S. 167-184.




Credits

powered by Antville powered by Helma


Creative Commons License

xml version of this page
xml version of this topic

twoday.net AGB

Archiv

Mai 2008
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
 
 
 
 1 
 2 
 3 
 4 
 6 
 7 
 8 
 9 
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
 
 
 
Meistens regnet es nicht in Hamburg ...

Aktuelles Wetter in Hamburg:


Temperatur: 13 C
UV Index: 0
Luftfeuchte: 77 %
Sichtweite: 10.0 km
Luftdruck: 1021.0 mb
Windstärke: 2 km/h

Weather data provided by weather.com
Alle Links in Popups öffnen

alle Links auf der aktuellen Seite in einem neuen Fenster öffnen 



About
AusDemForschungskolleg
Blog-Talk
CallForPapers
ComputerNutzungenSpiele
dgvKongress2007
Gender
JobsStipendienUsw
KinderMedien
kommunikation@gesellschaft
Konferenzberichte
Kongress2005
Kongress2007
Kontroversen
Kulturbegriff
Literaturhinweise
... weitere
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren