dgvKongress2007

 

Kulturkritik und "Adorno-Bashing" (20)

Kaspar Maase forderte beim Mainzer dgv-Kongress die Rückbesinnung auf Kulturkritik. Der Bezug auf Adorno war dabei unübhörbar. Nun lassen wir den Großmeister einmal selbst zu Wort kommen und uns den Zusammenhang von Warenform und Protestsong erläutern:



Aber letztlich bleibt halt das Problem, dass auch die Frankfurter Schule Teil der Verwertungslogik und des Spektakels geworden ist.
Kritisch wandte sich Kaspar Maase auch gegen das "Adorno-Bashing". Was wir uns darunter vorzustellen haben, illustriert vielleicht der "Adornoschlumpf" ganz gut ;-)

 

Nun auch Liveblogging bei den Ethnologen (19)

Na wer hätte das gedacht, dass die gute alte Tante Volkskunde und ihre Nachfolgedisziplinen noch einmal den Pacemaker machen könnten:

"Die Volkskundler machen es (mal wieder) den Ethnologen vor: Wie bereits gemeldet, sind sie im Vorfeld ihres Jahreskongresses in Mainz schon eifrig am Bloggen und Podcasten. Soeben wurde bekannt, dass sie auch live vom Kongress bloggen werden"

Nachdem "wir" (bleiben wir mal auf dem Teppich) es auf "unserem" Kongress vormachten, wollen die Ethnologen nicht abseits stehen. Offenbar wollen sich nicht zuletzt deshalb einige BesucherInnen dazu hinreißen lassen, gleichfalls von ihrem dgv-Kongress in Halle zu bloggen. Dürfen wir Wünsche äußern, dann würden wir uns nur ungern auf den Cnyberculture-Workshop beschränken, sondern auch den Workshop 5, bei dem auch Tilo Grätz sprechen wird, "bestellen" ....
 

Sekante-Blog über "Produser"-Sektion (18)

Wolfgang Zeglovits vom FAME-Netzwerk schreibt im Sekante-Blog rückblickend über die ProdUser-Sektion beim 36. dgv-Kongress in Mainz:

"Also schreibe ich über meinen favorisierten Themenblock: Im Panel ProdUser präsentierte Birgit Huber ihre Dissertation über Veränderungen von Produktionsweisen durch den Einsatz von neuen Technologien. Sie orientiert sich in ihrer "multi-sited" Ethnografie stark an einem post-fordistischem Arbeitsbegriff. Speziell interessant fand ich ihre strenge Unterscheidung von materieller und immaterieller Arbeit. Letztere ist für sie keine Arbeit im eigentlichen Sinn. Ihre Aussage war, dass ihre InformantInnen immaterielle Arbeit als fremdbestimmt, bzw. Arbeit im eigentlichen Sinn, empfinden. Materielle Arbeit und Zeit ohne PC und Internet wird hingegen als selbstbestimmt wahrgenommen.

Christoph Köck sprach anschließend über den Einsatz von Web 2.0 im Kontext institutionellem Lernens. Es war vor allem eine Einfühung in den Begriff Web 2.0 und einiger Applikationen, die darunter zusammengefasst werden.


Klaus Schönberger schließlich trug zum Thema "Schundromane und Weblogs: Von der Lese- zur Schreibwut?" vor. Er schlägt vor, sich Aneignungsstrategien in einem größeren und historischen Kontext anzusehen. Im Zusammenhang mit der vor allem im deutschen Sprachraum von JournalistInnen erhobenen Kritik an Weblogs, ist die Beobachtung in einer Tradition mit dem Aufkommen des Lesens von Schundromanen zu vergleichen. Klaus Schönberger griff einige Kritiker der Weblogs heraus, die sich über die Oberflächlichkeit der Inhalte in Weblogs monieren. Da kann ich ihm einen Weiteren nennen, den er zu seiner Liste der Verunglimpfungen des Weblogs hinzufügen kann. Konrad Paul Liessmann gab beim Philosophicum der ISPA in Wien am 28.3.2007 folgenden Ausspruch zum Besten: "Blog ist der Bassenatratsch im Internet".


Der Kernbegriff der Veränderung kultureller Praxen und der wechselseitigen Beeinflussungen von Technologie und Gesesllschaft ist die Rekombination. Klaus Schönberger sieht eine Dichotomie zwischen Praktiken und Strukturwandel. Mit den Methoden der Ethnografie ließe sich aber nur die Praxis erforschen, nicht aber der Strukturwandel. Mit der Kulturanthropologie wiederum lassen sich die Praxen wiederum gut erforschen. Allerdings nicht nur die Praxen der Aneignung von Medien, sondern darüber hinausgehend, weshalb für ihn die Kulturanthropologie keine Medienwissenschaft ist. Das letzte Argument habe ich gleich in meinem Vortrag aufgenommen. "
 

Deutschlandfunk-Portrait: "Die Beste aller akademischen Welten"? (17)

Anläßlich des 36.dgv-Kongresses portraitierte am 27.9. 2007 der Deutschlandfunk in seiner Sendereihe "Studiozeit - Aus Kultur- und Sozialwissenschaft" die Nachfolgedisziplinen der Volkskunde. Ausgehend von der Erörterung des Kongressthema “Bilder Bücher Bytes” mündet der Bericht in einem Portrait des Faches. Dabei wird das Fach als "jenseits" des Verwertungszwanges angesiedelt und ein bisschen idealisiert, wenn es denn am Schluß heisst, dass wir hier es vielleicht mit der Besten aller akademischen Welten zu tun hätte. Wer's glaubt wird selig ....

Ach ja, der Teil über das Fach und den Kongress findet sich ungefähr in der Mitte der Sendung

FAZ über Volkskundekongress: "Mehr Kritik. Wie die Volkskunde mit den Medien umgehen sollte" (17)

Die Zeitung, hinter der bekanntlich immer ein kluger Kopf zu sitzen scheint, hat sich heute des am Mittwoch zu Ende gegangenen 36. Volkskundekongresses in Mainz angenommen. Der bekennende Donaldist Andreas Platthaus (für VolkskundlerInnen immerhin interessant, das man sagt, die Donaldisten hätten das FAZ-Feuilleton "unterwandert" - und es dürfte wohl diesem Umstand zu verdanken sein, dass die FAZ inzwischen eine von Platthaus zu verantwortende "Klassiker der Comic-Literatur"-Edition herausgibt) hatte auch die Podiumsabschlussdiskussion moderiert.
Platthaus In der FAZ (28.9. 2007) lesen wir:

"Zweiunddreißig Jahre brauchte es, ehe die Deutsche Gesellschaft für Volkskunde, die ihren zwanzigsten Kongress 1975 unter das Motto "Direkte Kommunikation und Massenkommunikation" und damit erstmals die Medien in den Mittelpunkt gestellt hatte, sich entschied, das Thema erneut anzugehen. Allerdings unter anderem Titel und entsprechend anderen Vorzeichen: (....) nur der Untertitel verriet, dass der Anspruch ein anderer war, als Medien bloß zu beschreiben. Vielmehr sollte deren Wechselwirkung mit gesellschaftlichen Phänomen erforscht werden. Als eines davon erwies sich plötzlich die kulturwissenschaftliche Volkskunde selbst."

Im Mittelpunkt des FAZ-Artikels steht der Plenarvortrag von Kaspar Maase.

"Maase beklagte, dass dadurch die letzten Reste einer an Adorno geschulten Kulturkritik und das Erbe der Achtundsechziger in seinem Fach beseitigt seien. Vorträge, die sich dem Boom zeitgeschichtlicher Themen in Filmen wie 'Dresden' und 'Sturmflut* widmeten oder den Bemühungen von Sendern und Städten, die Drehorte populärer Serien zu vermarkten, bestätigten die Sorgen von Maase insofern, als bei der Analyse die Intentionen der Sender zurücktraten hinter die Faszination der Zuschauer. Das war verblüffend, weil viele Panels und Sektionen die kommerziellen Absichten bei der Herausbildung von kulturwissenschaftlichen Phänomen in den Mittelpunkt stellten. Speziell gegenüber dem Fernsehen aber beschränkte man sich auf eine Wirkungsforschung, die Maases Formulierung ' Heute interessiert uns nur, was Menschen mit Medien machen, nicht mehr umgekehrt' bestätigte."

Das Problem dürfte doch in den jeweiligen Vereinseitigungen bestehen. Ein Defizit des Faches besteht schließlich gerade darin, keine Methodik aufzuweisen (bzw. Stuart Halls Encoding-Decoding-Modell nicht weiterentwickelt zu haben), die in der Lage wäre, diese beide Perspektiven zusammen zu denken, und über die banale Diagnose von "Wechselwirkungen" hinaus zu kommen.

"Die Untersuchung der Medialität des Alltags, die der Kongress sich vorgenommen hatte, musste dadurch in Maases Augen einseitig bleiben. Aufrufe zur Kritik an oder gar zum Widerstand gegen die bestehende Medienlandschaft, so Maase, seien ohne Resonanz geblieben. In einer Disziplin, die, wie der Berliner Ethnologe (sic!) Wolfgang Kaschuba ausführte, ein rundes Drittel ihrer Absolventen im Mediensektor unterkommen sieht, ist wohl kaum zu erwarten, dass man diese Branche hart angeht."

Vermutlich sagt Platthaus etwas Richtiges, bloß mit der falschen Begründung. Die Tatsache, dass es in unseren Fächern inzwischen etwas unkritischer hergeht, hat aber sehr viel mehr mit einem gesamtgesellschaftlichen Klimawandel und mit der Unfähigkeit (oder sagen wir lieber dem Unwillen) - im Vergleich mit den Soziologen und Historikern zu tun so etwas wie eine sozialwissenschaftliche Basierung des Studiums vorzunehmen sowie der generellen Tendenz einer "Kulturalisierung des Sozialen". Dabei erscheint mir eine unkritische Haltung gegenüber Medien noch das geringere Problem.

"Maase sieht die Ursache in der Angst seiner Kollegen vor unerwünschter intellektueller Nachbarschaft zu fundamentalistischen Einstellungen oder zu 'Kulturpäpsten', denen man elitäres Denken unterstelle. Stattdessen betreibe man lieber 'Adorno-Bashing' und habe die auf die Frankfurter Schule zurückgehende Kulturkritik als 'identätsstiftenden Pappkameraden' schätzen gelernt. Dadurch sei das Fach als Ganzes auf die Kulturkämpfe von gestern fixiert und komme über die habituelle Unterstützung des 'Low' gegenüber dem 'High' nicht mehr hinaus."

Es wäre hierzu einiges anzumerken. Aber es ist vielleicht doch bezeichnend, dass es das FAZ-Feuilleton ist (wenn der Artikel auch auf der Medien-Seite veröffentlicht wurde und inzwischen auch die populäre Kultur sich einen Platz erkämpfen konnte, s.o. - die ideologischen Verhältnisse sind eben unübersichtlicher geworden), in dem die Forderung nach Kulturkritik wieder erhoben wird. In welcher Weise aber Kulturkritik nach wie vor und entgegen Kaspar Maases Feststellung artikuliert wird, wurde in der Sektion "ProdUser" ausführlich analysiert. Es ist eben nicht so, dass die populäre und insbesondere die populare Kultur inzwischen allgemein akzeptiert ist, wie der Blick auf das Internet (Wikipedia!) veranschaulichen würde. Insofern steht die Kritik der Kulturkritik nach wie vor auf der Tagesordnung und ist eben auch weit mehr als "Adorno-Bashing".

Dann wäre auch noch etwas zur vermeintlichen Abhilfe anzumerken:

"Den Sendern, folgert Maase, dürfe nicht jede Form von Populismus zugestanden werden, man müsse die soziologisch erwiesenen Zusammenhänge zwischen Mediennutzung und sozialen Defiziten zum Anlass nehmen, Zusammenhänge zu beschreiben, so dass man deren bloße Feststellung hinaus käme und Abhilfe schaffen könne."

Hier muss nun doch widersprochen werden. Soziologisch ist gar nichts erwiesen. Wenn Kriminologen wie Pfeiffer einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Medienkonsum und Schul(miss)erfolg behaupten, dann ist doch allemal unklar, ob das die entscheidende Ursache ist. Soziale Benachteiligung entsteht nicht durch zuviel Fernsehen und ist schon gar nicht mit einem Weniger an Fernsehen anzugehen. Es ist diese falsche Gesellschafts- und Kulturkritik, der wir unsere fachliche Expertise entgegenhalten können.
Und es ist eben ein mindestens genauso wichtiges Thema der volkskundlich-kulturwissenschaftlichen Medienforschung, die Diskurse und die Kulturkritik selbst zu analysieren. Und eine wirklich kritisches Position besteht darin, den Gewalt- und Defizit-Diskurs im Kontext einer umfassenden Gesellschafskritik zu kritisieren. Gewalt in den Medien ist eben nur ein Problem. Vielmehr ist zu fragen, warum die, die Bomben auf Belgrad werfen, warum diejenigen und die Gewalt zur Lösung von Konflikten progagieren, ein solches Interesse an der zurückgehenden Jugendgewalt und ihrer angeblichen Ursache im Konsum von Brutalo-Filmen oder Ballerspielen haben. Es geht dabei überhaupt nie um die der gesellschaftlichen Gewalt zugrunde liegenden Konzepte von Männlichkeit oder der durch und durch gewaltförmigen (staatlichen wie zivilgesellschaftlichen) Regelung von Konflikten (was ist das für eine friedliche Zivilgesellschaft die Hunderte von toten Flüchtlingen an den abgeschotteten EU-Grenzen als Kollateralschaden in Kauf nimmt?). Den Finger in diese Wunde zu legen, genau hier wäre das kritische Potenzial einer volkskundlichen Medienwissenschaft zu entfalten. Aber das ist natürlich nicht die Kritik, die die Medien von uns hören möchten.
Platthaus
In diesem Zusammenhang ist nochmals auf das Thema der Podiumsdiskussion einzugehen. Kurz zuvor konnten die KongressteilnehmerInnen in der Sektion "Medien – Öffentlichkeit – Geschlecht" einen bemerkenswerten Vortrag erleben. Almut Sülzle (Marburg) sprach nämlich in "Die Girlisierung des Fußballs ist misslungen" über Ihre Erfahrungen mit den Medien als Expertin über weiblich Fußballfans im Kontext der WM-Berichterstattung 2006. In beeindruckender Weise zeigte sie - was Wolfgang Kaschuba als "Ich verstehe, Sie brauchen O-Ton" bezeichnet hatte - in welcher Weise JournalistInnen versuchen, volkskundlich-kulturwissenschaftliches Wissen zu ver-nutzen, um ihren unerträglichen Arbeitsbedingungen zu entkommen. Selten wurde gezeigt, in welcher Weise der Diskurs sich der Wissenschaft bedienen möchte bzw. die Produktionsbedingungen die kritischen Inhalte letztlich in ihr Gegenteil zu verkehren wissen.

Dass ein immer größerer Teil von JournalistInnen eine solide akademische Ausbildung nach 1989 nicht mehr aufweisen kann und unfähig ist soziale Strukturen und kulturelle Kontexte zu unterscheiden bzw. überhaupt zu identifizieren, dürfte eine weitere Ursache hierfür sein. Wenn in unserem Fache Studierende sogleich ins Feld geschickt werden, ohne sie mit der narzisstischen Kränkung zu konfrontieren, dass ihre unmittelbare eigene Privat-Anschauung nichts mit Wissenschaft zu tun hat, dann liegt auch hier der Hund begraben. Und da wäre dann doch an Wolfgang Brückner zu erinnern, der zurecht feststellte, dass solides in unserem Fach immer dann zustande kam, wenn die RepräsentantInnen zugleich einer weitere Ausbildung in Fächern wie Geschichte oder Sprachwissenschaften aufweisen können.

Mit einem hatte Platthaus aber durchaus recht:

"Maases Thesen wurden im Plenum nicht diskutiert. Dem um das eigene Profil besorgte Fach hätten sie aber Möglichkeiten aufzeigen können, wie man sich an öffentlich sensibler und stark beachteter Stelle profiliert. Dabei wird die Volkskunde auf Kritik nicht verzichten können."

Es ist durchaus bemerkenswert, wie wenig während dem Kongress insgesamt diskutiert wurde. Nicht nur Kaspar Maases Vortrag, auch Manfred Faßlers Eröffnungsvortrag wurden nur auf den Gängen oder in den Blogs (kontrovers) diskutiert. Teilweise bezogen sich einzelne ReferentInnen auf die im Plenum vorgetragenen Thesen. Mitunter war es sogar verpönt harsche Kritik zu äußern, wenn wie in der Ratgeber-Sektion "Medienwirklichkeit und Lebenswirklichkeit. Gesundheit und Wohlergehen zwischen medialer Konstruktion und Alltagspraxis" (Panel 1) grundsätzliche Einwände erhoben wurden.

Den FAZ-Artikel für 2,00 EUR 24 Stunden anschauen

PS. Hier in diesem Blog darf diskutiert werden. Einfach und ohne großen Aufwand einen Account bei twoday.net besorgen und schon kann man "kommentieren" oder eigene Beiträge verfassen ..


Photos: http://gallery.bilder-buecher-bytes.de/
 

dgv-Kongress ist beendet (15)

Seit gestern nachmittag ist Kongress vorüber, die Hamburger TeilnehmerInnen sind wieder zuhause und auch wir wollen uns bei den Mainzern ganz herzlich bedanken. Sie haben für den nächsten Kongress die Maßzahl erhöht und wir sind gespannt wie es in Freiburg 2009 weitergehen wird. Wir sind auch auf den Kongressband und die schriftlichen Versionen der Vorträge gespannt und werden über den Fortgang an dieser Stelle berichten.
 

Bernhard Fuchs über Bollywoods "gendered emotion" (14)

In der von Elisabeth Timm (Wien) geleiteten Sektion "Medien – Öffentlichkeit – Geschlecht" startete Bernhard Fuchs (Wien) mit einem Vortrag "Gender in Motion? Zur öffentlichen Rezeption transnationaler Kultur am Beispiel des Bollywood-Kinos".

Fuchs
Ausgehend von der "Beschleunigung und Ausweitung transnationaler Ethnoscapes und Mediascapes (Appadurai)" lenkte er die Aufmerksamkeit auf "damit einhergehende Grenzüberschreitungen" bei denen "ethnische, kulturelle und mediale Ströme" keineswegs parallel und in einheitlichen Bahnen fließen.
Unter anderem fragte er danach, wie das deutschsprachige Publikum Bollywood rezipiere und auf dessen Geschlechterrollen-Klischees reagiere?
Er betonte, dass die patriarchalen Strukturen der Bollywood-Romanzen meist kritisch beurteilt würden, im Vordergrund stünde der Traum von der wahren, großen Liebe, welche über alle Widrigkeiten triumphiert. Gefragt nach dem Grund für die Beliebtheit Bollywoods in Deutschland erklärte der indische Star Shahrukh Khan in einem Interview, es sei für die Deutschen wohl so etwas wie ein Knopf zum Weinen. Primär ginge es demnach um ein emotionales Erlebnis. Schließlich fasste Bernhard Fuchs seine Ergebnisse in einem Wortspiel zusammen. Das im Titel formulierte "Gender in Motion?" wandelte sich zur Feststellung einer "Gendered Emotion".

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Forschungsnetzwerk Anthropologie des Medialen über "mediale Selbstbefähigkeit" (13)

Im Panel 6 des Mainzer dgv-Kongreeses stellte sich das "Forschungsnetzwerk Anthropologie des Medialen" (FAME) vor.
Die Einleitung nahm Katharina Kinder von der Universität Lancaster vor, die das Panel zugleich moderierte.

Claudius Terkowsky (Frankfurt/M.) spricht über "E-Learning by Design: Vom Entwerfen neuer universitärer Lern-Landschaften". So erfahren wir, dass an der Universität Frankfurt das Thema E-Learning eine vergleichsweise große Rolle spielt. Er entwickelt thesenhaft die Bedeutung von elearning im Kontext von Organisationen und betonte eine mitunter kulturrevolutionäre Beziehung zwischen institutionalisiertem Wissen und projektbezogenes Wissen im Internet. Er untersucht aber nicht nur die kulturellen Implikationen, sondern auch die mit E-Learning verbundene Ökonomisierung. Eine zentrale Aussage hinsichtlich der Veränderung von Lernkultur und dem Einfluss auf die Wissenskompetenzen von Lehrenden und Lernenden, lautete: Die mediale Lernfähigkeit sei prinzipiell offen und erschöpfe sich nicht in den bestehenden kulturellen Voraussetzungen.

Anschließend sprach Carsten Ochs über "Software-Lokalisierung in Lahore". Er stellt die grundsätzliche Frage, was passiert im Zuge des Computerisierungs-Prozessse der Gesellschaft eines sogenannten Entwicklungslandes in Hinblick auf die
- menschlichen Formen,
- nicht-menschlichen Formen sowie
- kulturelle "Programmatiken"
Bei ihm steht die empirische Feldphase noch aus und er sprach vor allem über seinen Forschungsplan. Das Verhältnis zwischen Medium und Mensch möchte er als wechselseitiges gefasst sehen. Er beabsichtigt dynamische Wechselwirkungen zwischen Menschen und Medien in den Mittelpunkt stellen und argumentiert wider einen Formzentrismus.
(Vgl. hierzu sein Forschungexposee auf der Fame-Netzwerk-Seite).
Eine seiner zentralen Frage lautet darüber hinaus: Was passiert mit der Technologie, wenn sie in ein anderes kulturelles Umfeld gelangt?

Zu Alexander Schwinghammer (Frankfurt) und dem Vortrag "Blick/Bild/Berichterstattung. Zu den Praktiken des Bildgebrauchs" vgl a. den Kongress-Blog:

"Der Theaterwissenschaftler Alexander Schwinghammer hingegen referierte zu den Praktiken des Bildgebrauchs in Kriegs- und Krisenzeiten. Am Beispiel des Ende 2003 erstmals in Berlin vorgeführten und als Verarbeitung des Irak-Kriegs bezeichneten Stücks “Bambiland” (Text: Elfriede Jellinek), erläuterte er die mediale Vermittlung von Kriegsgeschehen, die vorrangig mit Inszenierung - und damit mit einer temporären Verdichtung - arbeitet. Durch spezifische Auswahl, Organisation und Strukturierung von Materialien wird bei der Kriegsberichterstattung etwas zur Erscheinung gebracht, das sich seiner wahrnehmbaren Gegenständlichkeit entzieht und nur durch Medien zur Erscheinung kommt. Schwinghammer rückte das Transformationsgeschehen in den Mittelpunkt, indem er darauf hinwies, dass Reporter, dadurch, dass sie mediale Formate erhalten, erschaffen und weiterentwickeln, darauf abzielen, das Ungewöhnliche im Mittelpunkt der medialen Beobachtung zu platzieren. Projekte wie Bambiland würden daher zur Reflexion anregen. Denn sie belegen, welche Weltgeschehnisse als medial-kulturelle Attraktion hervorgebracht werden."

Julie Woletz (Frankfurt/Main) sprach über "Digitale Videostories: Mediale Selbstbefähigung oder 15 Minuten Ruhm"
Sie stellte im Kontext von "Web 2.0" oder "Mitmach_Internet" die Vorstellung der medialen Selbstbefähigung die der Andy-Warholschen Vorstellung von "15 Minuten Ruhm" gegenüber. Sie verortete das Digital Storytelling im Kontext des kulturellen Musters des Geschichtenerzählens. Dabei verwies sie auch darauf, in welcher Weise diese Formen und Ästhetik des Amateur-Erzählens auf die professionelle Mediendarstellung zurückwirke. In den Main-Stream-Medienformaten finde allerdings der Aspekt der Nutzerpartizipation eine vergleichbare Rückkoppelung. Sie berichtete, dass unter YouTube sich über 600.000 Filme finden ließen, die den Titel "Story" in sich trügen oder unter "Story" getaggt seien (So habe angesichts der Fülle von Filmen YouTube ein Kategoriensystem entwickeln müssen).
Sie konstatiert eine mediale Selbstbefähigung im Sinne einer produktiven Aneignung medientechnoloigscher Features und einer Weiterentwicklung ihrere Optionen, auch abseits öffentlicher Resonanz.
Sie diagnostiziert eine aktuelle Kulturtechnik des Geschichtenerzählens in den untersuchten Videostories. Dabei stehen Formen des Erzählens in in den klassischen Massenmedien den Formen des DigitalStorytellings gegenüber:
  • erweiterte Beteiligungsformen und Nutzerpartizipation im Internet
  • private Medienarcdhive und Geschichten als Selbstinszenierung (Mediatisierung es Privaten, "Authentischen"
  • Verlagerung der Inhalte zugunsten einer Inszenierung des Pirevaten allätglichen und Authentischen
Zugleich vermag sie bei diesem Genre oder Format keine Auflösung von Linearität in der Erzählung beobachten.

Unterdessen habe sich eine eigene Medienkultur herausgebildet.

Als letzter Referent in diesem Panel sprach Wolfgang Zeglovits (Wien) über "Praxis der Weblog-Software-Entwicklung. Fallstudien zu blogger.com und antville.org". Das Forschungsvorhaben dreht sich um das Entstehen von Weblogsoftware.
1. Theoretisches
W.Zeglovits geht von den Begriffen Produktion - Distribution - Konsumtion, die für ihn auf unterschiedliche Wissenskompetenzen
und nicht auf unterschiedliche Rollen verweisen. Sein zentraler Begriff lautet "Mediale Selbstbefähigung"

2. Methodisch:
Er will Keine reine Online-Ethnographie vorlegen.

3. Ziel
Es geht ihm auch darum zu zeigen, dass auch im Kontext von Social Software, Web 2.0 oder Open Source die martkförmigen Mechanismen der kapitalistischen Produktionsweise nicht ausser Kraft gesetzt wird, sondern, dass auch die Entwicklung von Weblog-Software diesem Rahmen nicht entkommen kann.

W. Zeglovits versuchte schließlich als letzter Sprecher das Verbindende der auf dem Kongress vertretenen Ansätze wie Kulturwissenschaftliche Technikforschung oder eben auch "Forschungsnetzwerk Anthropologie des Medialen" hervorzuheben. Ihm gehe es darum die vorhandenen Chancen etwas neues auszuprobieren, zu nutzen. Katharina Kinder hatte aber auch in ihrer Einleitung auf gegenseitige Bezüge aufmerksam gemacht. Und die Frage nach dem "Eigensinn" ermöglichte den ReferentInnen mit ihren doch sehr unterschiedlichen Themen bzw. Ansätzen nochmals die Schnittmengen praktisch auszuloten. Was der Einführungsvortrag des Kongresses - nach allem was zu hören war - offenbar nicht zu leisten vermochte, wurde hier im konkreten Handgemenge des Panels nun doch greifbarer. Das Bemühen wurde jedenfalls deutlich und das ist doch ein guter Anfang.

Stream: Abschlussdiskussion in Mainz (12)

MainzDie Abschlussdiskussion des Mainzer dgv-Kongresses "Bilder-Bücher-Bytes"
"Zum Umgang der Volkskunde mit Medien" heute nachmittag kann ab 15 Uhr live im Internet mit verfolgt werden (Erreichbar unter mms://windowsmedia.zdv.uni-mainz.de/bilder-buecher-bytes). Dies wird organisiert von den "Hard bloggin"-Mainzer VolkskundlerInnen.


Mainz3

Moderation: Andreas Platthaus (FAZ)
Diskussionsteilnehmer: Dr. Ute Bechdolf (Tübingen), Prof. Dr. Thomas Hengartner (Hamburg), Prof. Dr. Wolfgang Kaschuba (Berlin), Prof. Dr. Werner Mezger (Freiburg), Dr. Martina Schindelka (ZDF, Mainz)

Hier zum Bericht des Kongress-Blogs




Photo: http://gallery.bilder-buecher-bytes.de/
 

Was meint der Begriff ProdUser (11)?

Die Sektion 6 des Mainzer dgv-Kongresses war mit Begriff "ProdUse" überschrieben. Christoph Köck fragte in seinem Vortrag, ob das eine Erfindung der dgv sei. Dazu ist anzumerken, dass der Begriff keine Erfindung der dgv ist, sondern dem CATAC-Diskussionszusammenhang entstammt. Zugleich wird der Begriff in Abgrenzung zu Alvin Tofflers Prosumer verwendet.
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Gerrit Herlyn
Deutungsmuster und Erzählstrategien bei der Bewältigung beruflicher Krisenerfahrungen In: Seifert, Manfred/Götz, Irene/Huber, Birgit (Hg.): Flexible Biographien. Horizonte und Brüche im Arbeitsleben der Gegenwart. Frankfurt u. a. 2007, S. 167-184.








Anika Keinz, Klaus Schönberger und Vera Wolff (Hrsg.)
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