Nun auch Liveblogging bei den Ethnologen (19)

Na wer hätte das gedacht, dass die gute alte Tante Volkskunde und ihre Nachfolgedisziplinen noch einmal den Pacemaker machen könnten:

"Die Volkskundler machen es (mal wieder) den Ethnologen vor: Wie bereits gemeldet, sind sie im Vorfeld ihres Jahreskongresses in Mainz schon eifrig am Bloggen und Podcasten. Soeben wurde bekannt, dass sie auch live vom Kongress bloggen werden"

Nachdem "wir" (bleiben wir mal auf dem Teppich) es auf "unserem" Kongress vormachten, wollen die Ethnologen nicht abseits stehen. Offenbar wollen sich nicht zuletzt deshalb einige BesucherInnen dazu hinreißen lassen, gleichfalls von ihrem dgv-Kongress in Halle zu bloggen. Dürfen wir Wünsche äußern, dann würden wir uns nur ungern auf den Cnyberculture-Workshop beschränken, sondern auch den Workshop 5, bei dem auch Tilo Grätz sprechen wird, "bestellen" ....

Lokale Medienkulturen beim Ethnologen-Kongress in Halle

Nicht nur die Volkskunde tagte dieser Tage, sondern auch die Völkerkundler versammeln sich derzeit zentralen Kongress . Vom 01. bis 04. Oktober 2007 findet in Halle (Saale) der wissenschaftliche Kongress 2007 der Deutschen Gesellschaft für Völkerkunde statt: “Streitfragen – zum Verhältnis von empirischer Forschung und ethnologischer Theoriebildung am Anfang des 21. Jahrhunderts“

Mit dabei ist auch Tilo Grätz, Mitglied im Forschungskolleg Kulturwissenschaftliche Technikforschung im Workshop 5 "Zwischen Vereinheitlichung und Fragmentierung der Welt? Lokale Medienkulturen und die Konstitution von Wissen und Wissenschaft", der an zwei Tagen durchgeführt wird:

3. Oktober 2007, 14.00-18.00

Part I Local Media Cultures
Jeanine Dagyeli, Sophie Roche: For the fear of afterlife - Islamic videos in Tajikistan

Birgit Bräuchler: Transforming Society through the Transformation of the Media Scene? From War to Peace in the Moluccas, Eastern Indonesia

Tilo Grätz: Zum Wandel von lokalen Medienkulturen am Beispiel Benins

Filipe Reis: Radio, Knowledge and Senses: the building of a local mediated culture


4. Oktober 2007, 14.00-18.00
Part II Media and the Constitution of Knowledge - Theoretical Perspectives:

Elke Mader: Mythen und Medien

John Postill: The elements of media: a field theoretical exploration
Part III Knowledge Culture(s)

Thorolf Lipp & Martina Kleinert: Utopie einer „Medienkultur des Wissens“: Mediale Vermittlung des UNESCO „Intangible Heritage“ und die Rolle der Ethnologie.

Abstract von Tilo Grätz:

Mein Beitrag beschreibt Prozesse der Medienaneignung sowie der Veränderungen von Öffentlichkeiten in Afrika unter dem Einfluss von expandierenden neuen und alten Medien, von Medienkonversion sowie politischer Liberalisierung. Am Fallbeispielen aus der Republik Benin wird dabei der Frage nachgegangen, inwiefern es zur Rekombination medialer Praxen oder gar zu Innovationen im Bereich medial vermittelter Informations- und Kommunikationskulturen kommt. Weiterhin geht es um die Verknüpfung verschiedener Öffentlichkeiten sowie die Zirkulation von Mediengütern, die auch mit neuen Wissenskulturen, Themensetzungen und Gemeinschaftsbildungen einhergeht. Schließlich werde ich Aspekte der Medienaneignung im Alltag verfolgen. Dabei wird dafür plädiert, genauer zwischen pragmatischen, ludischen und idealistischen Ebenen (vorläufige Kategorien, erweiterbar) in solchen Aneignungsprozessen zu unterscheiden, wobei meist von einer Gleichzeitigkeit bzw. Kombination dieser Dimensionen ausgegangen werden muss.

Überregionales Wiki für Volkskunde-Studierende

Jüngst erreichte mich freundliche Studierenden-Post mit einem Hinweis, den ich an dieser Stelle gern weitergebe:

Mit dieser Seite wollen wir die bessere Vernetzung der Studierenden der Volkskunde/Kulturanthropologie/Europäische Ethnologie in Deutschland, Österreich und der Schweiz fördern. Das Prinzip: Jeder kann mitmachen. Einfach anmelden und loslegen. Die zwei persönlichen Ansprechpartner für die Vernetzung der Studierenden sind die StudierendenvertreterInnen im Hauptausschuss der dgv.

Hessen-Nazis wollen "Volkskunde/Kultur" als Schulfach verbindlich machen

Man weiss nicht ob nicht gerade ein Fehler darin besteht es zu thematisieren. Aber anderseits könnte es auch der Selbstwahrnehmung der Nachfolgedisziplinen der Volkskunde dienlich sein. Via Störtebecker-Netz erfahren wir nämlich vom "Sofortprogramm" der NPD anlässlich der hessischen Landtagswahlen:

"Die hessische NPD hingegen stellt zur Landtagswahl kein herkömmliches Wahlprogramm vor, sondern stattdessen, ein Sofortprogramm der NPD-Fraktion im hessischen Landtag, welches wir sodann ebenfalls vorstellen möchten sowie die ersten fünf Listenkandidaten der Partei."


Neben all dem anderen erwartbaren Dreck,. findet sich aber eine Passage die unsere Fächer aufhorchen lassen sollte:

"Einführung des Schulfaches Volkskunde / Kultur
Die Schüler sollen Ihre eigene zig tausend Jahre alte Kultur wieder neu entdecken und lieben lernen. Die Zeit der Selbstbesudelung und Gleichmacherei muss ein Ende haben. Nur so kann auch der Respekt vor anderen Völkern wachsen."


Es hilft alles nichts. Man muss sich schon dessen gewahr sein, und das abschätzige Lächeln und elfenbeinturmartiges DarüberwegSchauen ändert auch nichts daran, dass diese Konzeption von Volkskunde noch virulent ist. Und vor allem sollte man das nicht unterschätzen. Darauf verweist auch ein Flyer zur Bildungspolitik der thüringen NPD:

"Viele schwerwiegende Probleme, vor allem im Schul-
bereich, lassen sich auf den Verlust von ehemals deut-
schen Werten und Tugenden zurückführen, die heutzu-
tage durch das Primat der Wirtschaft ersetzt wurden.
Alle Lern- und Bildungsziele sind auf die kurzfristigen
Funktionsbedürfnisse einer globalisierten Wirtschaft
ausgerichtet, welche einerseits heimatlose Spezia-
listen und andererseits konsumorientierte Anhänger
der Spaßgesellschaft herausbildet. Dies will die NPD
durch einen neuerlichen Wertewandel im Bildungsbe-
reich ändern, indem eine völlige Neuorientierung der
Lehrplanung vollzogen wird. Dazu ist es erforderlich,
in den Lehrplänen nicht nur Bildungs-, sondern auch
Erziehungsziele festzuschreiben, um langfristige Ver-
änderungen zu bewirken. Die Vermittlung von Identität,
Heimatverbundenheit und Brauchtum muß durch die
Fächergruppen Heimatkunde, Ethik sowie Regionale
Geschichte und Volkskunde in das Zentrum des Ler-
nens gerückt werden. Ebenso gilt es in allen Alterstufen
einen Schwerpunkt der Ausbildung auf die Vermittlung
deutscher Sprache, Kultur und Geschichte zu legen.
Nur so kann ein Gefühl zur Heimat entwickelt und ein
grundlegender Wertewandel vollzogen werden."


Ähnliche Forderungen finden sich im NPD-Programm zur Berliner Abgeordnetenwahl:

"Wir fordern ....
Heimat- und Volkskundeunterricht in den Schulen, Unterricht darf nicht losgelöst von unserer Kultur stattfinden (Musik, Tanz und Kunst gehören ebenso dazu wie Mathematik oder Physik)."


Vielleicht doch mal wieder ein Grund, sich mit Kulturalismus, Rassismus und Nationalismus auseinanderzusetzen.
Ein Weblog mit Informationen und Meinungen rund um Fragen der Kulturwissenschaftlichen Technikforschung

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Gerrit Herlyn
Deutungsmuster und Erzählstrategien bei der Bewältigung beruflicher Krisenerfahrungen In: Seifert, Manfred/Götz, Irene/Huber, Birgit (Hg.): Flexible Biographien. Horizonte und Brüche im Arbeitsleben der Gegenwart. Frankfurt u. a. 2007, S. 167-184.








Anika Keinz, Klaus Schönberger und Vera Wolff (Hrsg.)
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