Notiert: Merkwürdiges zum Wochenende

Ich persönlich verfolge seit einiger Zeit das Verfahren zur Erneuerung des Telekommunikationsüberwachungsgesetzes (im Volksmund unter dem Schlagwort "Vorratsdatenspeicherung" geläufig), über das Ende nächster Woche im Bundestag entschieden wird.

Völlig überraschend (für mich) erschien nun dieses Wochenende der doch eher konservative oberbayrische Donaukurier und seine lokalen Ableger mit geschwärzter Titelseite und einer Auffoderung an die Bevölkerung direkten Widerstand zu leisten (!). (Online-Ausgabe des Artikels hier)

eichsttterkurziertitelsrl6

Update: Die Süddeutsche berichtet derweil von einer Verschiebung der Entscheidung:

Diese Bedenken haben jetzt auch den Bundestag erreicht: Die Abstimmung wurde von der Tagesordnung genommen. Das Gesetz wird am Mittwoch zunächst noch einmal im Rechtsausschuss beraten. Änderungen des Gesetzes gelten daher als wahrscheinlich.
 

"Ich werde weiter der kritischen Wissenschaft treu bleiben"

sagt der Berliner Stadtsoziologe Andrej Holm, der immer noch von den Generalbundesantwaltschaft ob seines wissenschaftlichen Engagements nach wie vor terrorisiert wird. In einem Interview mit dem 3sat-Kulturmagazin (31.10. 2007), sagte er unter anderem:

"Wie wird es jetzt weitergehen für ihn? "Ich werde weiter der kritischen Wissenschaft treu bleiben und soziale Ungerechtigkeiten der Stadtentwicklung so bezeichnen, der Protestbewegung zur Verfügung stellen - das gehört zur Wissenschaft dazu", sagt Andrej Holm. "Im Moment gibt es keine negativen Auswirkungen. Ich werde weiterhin zu Kongressen und Seminaren eingeladen und habe Werkverträge, Aufträge von verschiedenen Instituten. Ob das langfristig eine Auswirkung darauf hat, wie ich mich im beruflichen Leben weiterqualifizieren und bewerben kann, wird man erst in Zukunft sehen."

Nach Lage der Dinge, werden das einige hier in Hamburg auch so halten, Herr Ermittlungsrichter Ulrich Hebenstreit!

ARD/Polylux: "Mein Leben als Terrorist"

Die ARD zeigte gestern abend in ihrer Sendung "Polylux" einen kurzen Beitrag mit Andrej H. und seiner Lebensgefährtin, in dem sie auch die persönlichen Auswirkungen der auf sie angewandten Überwachungstechnologie beschreiben.


polylog Terror ueberwachung @ www.polylog.tv/videothek

Estland - doch noch keine Internetnation?

Aus Euro/Topics entnehmen wir diese Zusammenfassung eines Artikels aus der estnischen Postimees(1.11.2007), zu einem Thema, über das an dieser Stelle schon geschrieben wurde:

Estland - doch noch keine Internetnation?
Estland gilt als Internetnation par excellence. Die Vernetzung der Behörden ist bereits weit fortgeschritten, doch Henrik Roonemaa will mehr: "Man könnte hier und da noch einiges besser und nutzerfreundlicher machen und weiterentwickeln. Auch in der Privatwirtschaft sind viele Ideen noch nicht umgesetzt. Warum kann ich noch keinen Friseurtermin oder einen Termin auf dem Tennisplatz per Internet buchen? Warum kann die Immobilienfirma, die meine Wohnung verwaltet, nicht mit mir über das Internet kommunizieren, wenn es zum Beispiel um das Ablesen der Wasserzähler geht? Und warum haben die estnischen Fernseh- und Radiostationen kein normales Internetarchiv? All das würde ebenfalls zu einer Internetnation dazugehören." (01.11.2007)


Hierüber hatte auf der CATAC 06-Konferenz Marju Lauristin bereits das Richtige angemerkt:

Im Zusammenhang mit den Mythen über e-Estonia stellt sie fest, dass es in der Tat eine vergleichsweise gut ausgebildete ICT-Infrastruktur gebe, dass aber hinsichtlich ihrer Nutzung relativ unterentwickelte Praxen zu verzeichnen sind (Im Hinblick auf das berühmte „Empowerment of Groups“ fragte sie unter anderem: „What can do the groups with the new power?“)

Zu diesem Thema in diesem Blog
 

Zur Neuauflage E.P. Thompsons legendärem Aufsatz über Zeitdisziplinierung

Der Frankfurter Journalist Klaus Walter bespricht in der Schweizer Wochenzeitung "WOZ" (1.11. 2007) die Neuauflage von E.P. Thompsons Essay über Zeit und Arbeitsdisziplin und kommt zum Schluss:

«Blue Monday» Rund um die Uhr im Hamsterrad
"Vierzig Jahre nach seinem Erscheinen liest sich Edward P. Thompsons Essay über Zeit und Arbeitsdisziplin wie eine Vorahnung des digitalen Kapitalismus."


Zur Rezension von Deutschlandradio-Kultur zum Nachlesen (14.6. 2007) und zum Nachhören
Martin Birkner in Grundrisse 22/2007
Martina Nußbaumer im ORF
Jens Kastner in der Springerin 3/07

Das "inkriminierte" Werk:
Holloway, John / Thompson, Edward P.
«Blauer Montag - über Zeit und Arbeitsdisziplin»

Nautilus Verlag. Hamburg 2007.
96 Seiten. Fr. 20.50.
 

FAZ-Schirrmacher, das Internet, das Abendland und der Untergang (Kulturpessimismus I)

"Das ist kein Kulturpessimismus" behauptet FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher über seine Dankesrede für den Jacob-Grimm-Preis Deutsche Sprache 2007. Die Süddeutsche Zeitung (29.10. 2007) hat uns dieselbe via Internet hinterlassen.

"Die erste Generation, die seit ihrer Geburt vom Internet geprägt wurde, macht demnächst Abitur. Gleichzeitig steigt der Anteil an jungen Menschen, die bekennen, gar nicht mehr zu lesen, dramatisch an. Und man wende nicht ein, dass der Mensch auf den Vorgang des Lesens nicht verzichten kann. Das Gegenteil ist der Fall. Das Netz ist auch ein Medium, das in steigendem Maße Nicht- oder Fastnichtmehrlesen ermöglicht, und wer das nicht glaubt, schaue sich die Verfilmung von Archiven bis zu Gebrauchsanweisungen auf Youtube an. Jetzt aber verändern sich die Gehirne. In welchem Ausmaß das geschieht, ist selbst der Forschung noch nicht klar: Fest steht, dass der ikonographische Extremismus, dem die Jungen und Jüngsten im Internet ausgesetzt sind, wie eine Körperverletzung wirkt.
[…]
Die Sprache dieser ersten Internetgeneration ist beängstigend roh, sie kommt aus den Bildern und handelt von den Praktiken, die diese Protagonisten in irgendwelchen Nischen gesehen haben. Bilder, die jeder, der sie gesehen hat, nie wieder vergessen kann, es sei denn um den Preis vollständiger Abstumpfung. Wir riskieren, die wenigen Kinder, die unsere Gesellschaft in Zeiten des demographischen Wandels hat, mit seelischem Extremismus zu programmieren - wenn wir nicht bald eine Debatte über pornographische und kriminelle Inhalte im Internet beginnen. Und wer die Infektionsausbreitung verfolgen will, braucht nur zu zählen, wie viele Tote neuerdings auch in Nachrichtensendungen oder Illustrierten gezeigt werden."


Kurzes polemisches Nachtreten: Zu wie vielen Toten hat eigentlich die FAZ beigetragen, als sie 1999 die Deutschen in den Krieg mit Serbien hinein(t)(sch)rieb? So mal vom gewaltheischenden Internet zur friedliebenden Zeitung gefragt.
 

Passauer Arbeitskulturen-Tagungsband "Flexible Biographien" erschienen

Der Tagungsband der Internationalen Fachtagung der Kommission Arbeitskulturen der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde an der Universität Passau vom 8. bis 10. September 2005 ("Arbeitsleben und biographische (Um-) Brüche in der spaten Moderne") ist nun im Campus-Verlag erschienen:

Seifert, Manfred/Götz, Irene/Huber, Birgit (Hg.): Flexible Biographien. Horizonte und Brüche im Arbeitsleben der Gegenwart. Frankfurt u. a. 2007. Campus-Verlag, 241 Seiten. ISBN: 3593384868; Euro 32,90; SFR 57,00.

Zum Inhaltsverzeichnis:
Passau
Die aktuellen Veränderungen in den Arbeitswelten bilden eine Herausforderung für die Berufsbiografien und die Lebensplanungen der Arbeitenden. Wie begegnen die arbeitenden Subjekte dem Aufbruch der klassischen Normalarbeitsverhältnisse hin zu prekären und fluiden Formen aus ihrer Perspektive und mit Blick auf ihre biografischen Orientierungen? Und wie managen sie die zeitlichen, räumlichen und institutionellen Flexibilisierungen in ihrer Auswirkung auf die Arbeitsorganisation, die Einstellung zur Arbeit und die lebensweltlichen Konzeptualisierungen?

Der vorliegende Sammelband untersucht Berufsbiografien und die Formen der Lebensplanung in einer Gesellschaft, die zunehmend von Jugendarbeitslosigkeit, Flexibilisierungsforderungen und demografischer Alterung geprägt ist. 'Arbeit' wird (angeblich) knapper und muss demnach neu verteilt werden. Gleichzeitig verändert sich ihre Funktion als Wert und Ressource persönlicher Identität unter dem Einfluss politischer wie ökonomischer Strategien und Konzepte.

Der Band basiert auf den Ergebnissen einer Tagung, die 2005 von der Fachvertretung für Europäische Ethnologie/Volkskunde an der Universität Passau in Zusammenarbeit mit der Kommission Arbeitskulturen der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde veranstaltet wurde.

Der Beitrag von Klaus Schönberger, Widerständigkeit der Biographie. Zu den Grenzen der Entgrenzung neuer Konzepte alltäglicher Lebensführung im Übergang vom fordistischen zum postfordistischen Arbeitsparadigma, S. 63-97, ist online verfügbar. Download


PS. Ausserdem wurde die Kommissions-Webseite aktualisiert:

Promotionsstipendien beim Bielefelder Graduiertenkollg

Auf dem Weg in die Wissensgesellschaft: Wissenschaft in Anwendungs- und Beratungskontexten

Die moderne Gesellschaft prägt der Wissenschaft neue epistemische und institutionelle Merkmale auf. Diese Veränderungen lösen Rückwirkungen in anderen Bereichen der Gesellschaft aus. In dem von der DFG und dem Land Nordrhein-Westfalen geförderten und Vom Institut für Wissenschafts- und Technikforschung (IWT) getragenen Graduiertenkolleg beteiligen sich Wissenschafts- und Techniksoziologie, Wissenschaftsphilosophie, Wissenschaftsgeschichte und Rechtswissenschaft an der Erforschung dieser Transformationsprozesse. Die Dissertationsprojekte sollen sich auf die Probleme angewandter Forschung und der Wissenschaft in Beratungskontexten beziehen. In dieser Ausschreibungsrunde sind insbesondere Bewerbungen aus der Rechtswissenschaft sowie dem
soziologisch-philosophischem Themenkreis „Wissenschaft & Werte“ erwünscht.


Zum 01.04.2008 werden sechs Promotionsstipendien (zur Zeit 1000,- € zzgl. Sachkosten) vergeben. Es wird erwartet, dass die Stipendiaten während der Förderzeit ihren Wohnsitz in Bielefeld
nehmen.

Informationen über das Graduiertenkolleg: http://www.uni-bielefeld.de/iwt/gk/
Bewerber aus den Gebieten der Wissenschaftssoziologie, -theorie und -geschichte oder einer anderen Disziplin mit Interesse an entsprechenden Fragestellungen senden ihre Bewerbungen bitte möglichst umgehend und spätestens bis zum 07.12.2007.

Die Bewerbungen werden erbeten in elektronischer Form (als PDF-Datei) mit den üblichen Unterlagen sowie einem ausformulierten Lebenslauf, einer Beschreibung der wissenschaftlichen Interessen, einer Skizze des geplanten Dissertationsprojekts und einer Einordnung des eigenen Forschungsvorhabens in die Themenschwerpunkte des Graduiertenkollegs (ca. 5-10 Seiten). Die Bewerbungen sind zu richten an den Sprecher des Graduiertenkollegs, Herrn Prof. Weingart, Email: gk[at]iwt.uni-bielefeld.de

Forschungskolleg-Lehrveranstaltungen im Wintersemester 2007/2008

Das Wintersemester 2007/2008 hat begonnen. Auch dieses Semester sind Leitung, Koordination, Mitglieder und Associates des Forschungskollegs Kulturwissenschaftliche Technikforschung an verschiedenen Instituten in Hamburg, Luzern und Leipzig mit Lehrveranstaltungen zu Themen im Umfeld der Technikforschung beteiligt:


Universität Hamburg, Institut für Volkskunde
  • Thomas Hengartner
    Hauptseminar: Stadt und Klang – Stadtklänge
    Do. 16-18 Uhr
  • Gerrit Herlyn
    Mittelseminar: Biographieforschung und Kulturanalyse (2)
    Di. 16-18 Uhr
  • Katrin Petersen
    Mittelseminar: Das pure Vergnügen. Zur Ethnographie von Freizeit- und Erlebniswelten
    Mo. 14-16 Uhr
  • Christine Oldörp
    Mittelseminar: Theorien des Spielens
    Mo. 16-18 Uhr
  • Klaus Schönberger
    Mittelseminar: Von der Arbeiterkultur- zur Arbeitskulturenforschung
    Mi. 14-16 Uhr
  • Anneke Wolf
    Mittelseminar: Schreiben als Kulturtechnik
    Mi. 10-12 Uhr
Universität Hamburg, Institut für Ethnologie
  • Tilo Grätz
    Seminar: Einführung in die Medienethnologie /
    Einführungsveranstaltung: Fr 05.10.07, 17:00-19:00 Uhr ;
    Blocksem. 1. Sitzung: Fr 07.12.07, 17:00-19:00 Uhr, und Sa 08.12.07, 09:00-18:00 Uhr; 2.Sitzung: Fr 11.01.08, 17:00-19:00 Uhr, und Sa 12.01.08, 09:00-18:00 Uhr;
    jeweils ESA W, Raum 222

Weitere Technikforschungsbezogene Veranstaltungen am Institut für Volkskunde
  • Beate Binder
    Mittelseminar: Erkundungen des Popularen – Ansätze und Methoden der Cultural Studies
    Di. 12-14 Uhr
  • Norbert Fischer
    Hauptseminar: Kultur – Natur – Lebensreform. Gegenentwürfe zur Technikgesellschaft im frühen 20. Jahrhundert
    Mi. 16-18 Uhr
  • Sonja Windmüller
    Mittelseminar: Container. Ding – Idee – Raum
    Di. 10-12 Uhr

Universität Leipzig, Institut für Afrikanistik
  • Tilo Grätz
    Kommunikation und Medien in Geschichte und Gegenwart Afrikas
    Mo 13 – 15 NGW 22
  • Tilo Grätz
    Oralität und Schriftlichkeit in Afrika
    Mo 15 – 17 NGW 2216

Universität Luzern, Soziologisches Seminar
  • Marion Hamm
    Hauptseminar: No Risk – No Fun? Ethnographische Untersuchungen zu Risikowahrnehmungen und Diskursen im Umgang mit
    Lawinengefahr. Einführung in (medien-)ethnographische Methoden
    Donnerstag, 13.15-15.00
 

Off Topic: Eine große Bitte: Bücher für Vinnycja

Ein Freund von mir arbeitet zur Zeit in der Ukraine am Sprachlernzentrum der Staatliche Pädagogische Kozjubynsky-Universität und hat eine Bitte veröffentlicht, die ich hier gerne weiter geben möchte:


Es ist praktisch unmöglich in den hiesigen Buchhandlungen deutschsprachige Literatur zu erhalten. Man findet höchstens eine handvoll Klassiker, wie Kafka, Zweig, Remarque und einzelne weitere. Alles weitere und moderne Literatur – Fehlanzeige.

Wer deutsche Bücher aller Art übrig hat und die Studierenden des Sprachlernzentrums und der Pädagogischen Universität unterstützen möchte, kann dies auf sehr einfache Weise tun:

Schickt die Bücher als Büchersendung nach Vinnycja!

Die Adresse – zum Ausdrucken, damit sich niemand die Finger bricht :-)

Крістіан Ґанцер
Вінницький державний педагогічний
Університет ім. М. Коцюбинського
Центр вивчения німецької мови
вул. Острозького, 32
21000 Винныця
Україна / Ukraine

Die Bücher reiche ich an die Studierenden und Bibliotheken weiter. Literatur rechtsextremer Verlage, bzw. rechtsextremen Inhalts bitte ich nicht zu schicken, sie würde ohnehin sofort dort landen, wo sie hingehört: Im Müll.

Danke für die Unterstützung!

Wikipedia-Büro- + Technokratie-Oligarchie - not amused

In den vergangenen Wochen ist ein Buch im Münsteraner Unrast-Verlag erschienen, dass offensichtlich für Furore hinter den Kulissen sorgt:

Verlag und Autor haben in diesem Zusammenhang eine Presserklärung veröffentlicht, der die Problematik mit Wikipedia anschaulich zusammenfasst und durchaus auch eigene Erfahrungen wiedergibt:

"PRESSEERKLÄRUNG "WIKIPEDIA INSIDE". OKTOBER 2007
Unter den Aktiven der deutschsprachigen Wikipedia-Ausgabe sorgte das Erscheinen von "Wikipedia inside" für einige Furore. Unter den Wikipedianern und Wikipedianerinnen wird das Buch rege, allerdings auch recht kontrovers diskutiert. Mit Grund: Als lifestyliger Wohlfühltitel, der es allen recht macht und keinem weh tut, war "Wikipedia inside" nie gedacht. Die Reaktionen auf den Titel, zu verfolgen in den Weblogs diverser Aktivisten sowie internen Wikipedia-Seiten sind folgerichtig gespalten: "Not amused" ist ein Teil der Projektprominenz vor allem aufgrund der Tatsache, daß einige der dargestellten Fakten, Trends und Ereignisse recht wenig in das nette, freundliche und strebsame Heile-Welt-Bild passen, welches die Wikipedianer gern von sich vermitteln möchten. Die Faktenlage ist vielmehr durchwachsen. Zwar hat das freie Enzyklopädieprojekt einen beispiellosen Start hingelegt. Nach Google ist Wikipedia unangefochten Wissenspool Nummer zwei im Internet; was die reinen Artikelzahlen angeht, hat das Internet-Lexikon sämtliche etablierten Nachschlagewerke hinter sich gelassen. Allerdings: Neben den schönen Seiten thematisiert "Wikipedia inside" allerdings auch die weniger schönen. Schmusekurs mit rechtslastigen Schreibern, wenige Wikipedianerinnen, Bürokratie, Kasernenhofton, eine seltsame bis sektiererische Wikipedia-Ideologie sowie eine recht bedenklich stimmende Datenerfassungswut bestimmen das derzeitige Bild des freien Internet-Nachschlagewerks ebenso wie die vielen schönen (und auch weniger schönen) Enzyklopädieartikel, die man dort nachschlagen kann.

Kann, sollte oder muß man gar über Wikipedia Hofberichterstattung betreiben? Nein, keinesfalls. Nimmt man das Projekt und seine Potentiale ernst, wäre eine solche sogar kontraproduktiv. Dieser Ansicht ist jedenfalls Günter Schuler, der Autor von "Wikipedia inside". Unter dem Benutzernamen Roger Koslowski arbeitete er rund ein Jahr lang am freien Nachschlagewerk mit und betrieb dabei eifrig Recherchen für sein Buch. Fazit: Manches in der Welt der Wikipedia ist genial, manches exotisch und manches einfach unglaublich. Kritisch und engagiert beschreibt der Autor den Größenwahn, die Erfolge und die Aufbruchsstimmung, welche den Ausbau der weltgrößten Enzyklopädie stetig weiter vorantreiben. Günter Schuler benennt allerdings auch die Gefahren. Größentechnisch mag Wikipedia zwar Neuland betreten haben. Autoritäre Konfliktlösungsmechanismen, Intransparenz sowie die Gefahr des Hijackens der Enzyklopädieinhalte durch aufklärungsfeindliche Kräfte sind jedoch Gefahren, die nicht auf die leichte Schulter genommen werden sollten. Angesichts der Bedeutung des Mediums sind sie nicht unerheblich. Vielmehr bergen sie in sich genug Sprengkraft, um die Zukunft des Online-Nachschlagewerks nachhaltig zu beschädigen. Wikipedia – quo vadis? Wer sich über den aktuellen Stand des derzeit wohl interessantesten Internet-Projekts informieren möchte, bekommt mit "Wikipedia inside" eine ebenso aufschlußreiche wie spannende Lektüre.



Mit dem Verfasser, Günther Schuler führte die Zeitschrift Konkret ein Interview durch, indem er einige problematischen Seiten der Aktivisten des Projekts zusammenträgt. (Roland Buhles: „Hier konkret“, konkret, Nr. 11, 2007, S. 3)



Klaus Graf vom Archivalia-Weblog bestätigt in der Tendenz die Kritikpunkte des Buches


Das Buch:
Günter Schuler: Wikipedia inside. Die Online-Enzyklopädie und ihre Community
Unrast Verlag
Münster, Juli 2007
280 Seiten, 18 Euro
ISBN-13: 978-3-89771-463-2

Der Blog zum Buch
 

Widerständige Praktiken des Bloggens

Der Blogblick (d.i. Bov Bjerg) der Netzzeitung (23.10.2007) greift die hier entfaltete Argumentation hinsichtlich des Bloggens als "durchaus innovative politische Strategie sich gegen staatliche Drangsalierung und Terrorisierung" zur Wehr zu setzen, auf. Darüber hinaus werden Einträge aus anderen Blogs aufgegriffen, die meine Hypothese von der Widerständigkeit dieser Praktik des Bloggens im Weblog Annalist quasi empirisch unterfüttern:

"maloXP stößt ins gleiche Horn: «Der Frage, inwieweit das bloße Schreiben über den eigenen Alltag in einem Blog bereits Dissidenz sein kann, darf nun auch hierzulande nachgegangen werden.» Kralli meint sarkastisch: «Dich kann das nicht treffen? Du triffst dich nicht mit bösen Leuten und hast immer dein Handy dabei? Weißt du denn, was ich so mache, wenn wir uns nicht sehen? Und ob ich mein Handy auch öfter nicht dabei hab?»

Der Anwalt Udo Vetter vermerkt lakonisch: «Das ist sehr mutig.» Unter seinem knappen Posting entspinnt sich eine ausgiebige Diskussion zum Thema. bo (Kommentar 20) versucht zu ergründen, warum die Überwachungsmaßnahmen so offen stattfinden: «Zumindest wegen Fluchtgefahr fährt der Mann zur Zeit NICHT ein. Und genau da könnte eine Erklärung dafür liegen, warum vielleicht jemand mit aller Macht versuchen könnte, den Beschuldigten und seine Angehörigen zu terrorisieren und unter Druck zu setzen und - na ja, ein wenig 'zu treiben'.»

genevainformation (Kommentar 31) spielt auf die Dynamik von Weblogs an: «Berichte über die Nebenwirkungen von polizeilichen Maßnahmen gab es wohl schon immer. Aber früher wurden die in kleinen Druckereien auf billiges Papier gedruckt und vom Normalmenschen aufgrund der typischerweise großen Anzahl komplizierter Worte nicht wahrgenommen.»

Was mögen die zur Überwachung abgestellten Beamten empfinden, wenn sie nach Feierabend im Blog von Annalist blättern? Der Mann, der im Supermarkt die Regale inspizieren muss; der Kollege, der so ausdauernd den Laternenpfahl anstarrt: Haben sie nicht das Bedürfnis, ihre Sicht der Dinge darzustellen? Das eine oder andere Detail zu korrigieren? Anders gefragt: Wann bloggen endlich die Polizisten? Wie das geht? Einfach die Kollegen fragen."


Die Links zu den zitierten Blog-Einträgen finden sich auf der Seite der Netzzeitung.
 

TU Harburg: Vortragsreihe „Kunst und Technik: Junge Wissenschaft“

Anzukündigen ist eine Veranstaltungs- und Vortragsreihe des DFG-Graduiertenkolleg „Kunst und Technik“ an der Technischen Universität Hamburg-Harburg

01.11. 07
Form follows Material
Material - ein formbestimmendes Kriterium in der Architektur?
Dipl. Ing. Markus Holzbach, Stuttgart

29.11.07
“Only the best packed in glass…” – Überlegungen zur kulturellen
Konjunktur von Glasräumen im frühen 20. Jahrhundert
Kijan Espahangizi, ETH Zürich

13.12.07
„Der Ingenieur als philosophischer Prototyp – Vermischte Bemerkungen zu Ludwig Wittgensteins ästhetischen Konstruktionen“
Dr. Grischka Petri, Universität Hamburg/University of Glasgow

10.01.08
Ingenieurbaukunst – Quo vadis?
Dr.-Ing. Annette Bögle, FU Berlin

24.01.08 N.N.


Vorträge jeweils Do. 18:00 Uhr
TUHH, NIT, Raum E 26
Kasernenstraße 12
20173 Hamburg


Kontakt: kunstundtechnik[at]tu-harburg[dot]de

Bibliotheksbenutzung wieder erlaubt?

Der BGH hat mitgeteilt, dass er schon am 18.10. beschlossen hat, den Haftbefehl gegen den Stadtsoziologen Andrej Holm aufzuheben, dass aber weiter nach §129a ermittelt wird. In der Entscheidung wird zudem behauptet, dass der Anfangsverdacht zu recht bestanden habe.

In der Zwischenzeit ist heute der Institutsdirektor des rennomierten Instituts für Stadt- und Regionalsoziologie an der HU Berlin, Hartmut Häussermann zwangsweise vom BGH als Zeuge vorgeladen worden und wohl einige Stunden in die Mangel genommen worden.

lesen
Nun stellen sich den mehr oder weniger befangenen Beobachtern, die selbst ganz schnell mit einer teilnehmenden Beobachtung konfrontiert sein könnten, nach wie vor die Frage, ob Bibliotheksbesuche und die Verwendung des Begriffs "Gentrification" nun einen Anfangsverdacht begründet oder nicht. Das wird noch zu zeigen sein.

Der rennomierte Stadtforscher Peter Marcuse (u.a. Sohn von Herbert Marcuse) hat dazu jüngst seine eigene Meinung geäußert, die hier nicht nur auf Zustimmung stößt, es aber schon die Frage ist, ob man angesichts der biographischen Erfahrung Marcuses (vgl. taz, 20.10.2007), solche Einschätzungen als "dummes Zeug" abtun kann.
 

annas list gegen stasi-methoden

annalist heißt das Blog der Lebensgefährtin des Stadtsoziologen Andrej Holm, der von der Bundesantwaltschaft verhaftet wurde (§ 129a) und dessen gesamte Familie nach seiner immer noch vorläufigen Freilassung nun vom BKA überwacht und terrorisiert wird:


"I live in Berlin as a media activist, journalist, translator, and mother of two (best reason to be home and online a lot). Recently my life has changed enormously when German Federal Police arrested my partner Andrej Holm for being terrorist. Details at einstellung.so36.net."


Dieses Weblog ist für einen Weblogforscher aus zweierlei Gründen faszinierend. Es ist erstens eine durchaus innovative politische Strategie sich gegen staatliche Drangsalierung und Terrorisierung, und die damit verbundene Durchdringung des eigenen Alltags öffentlich zu Wehr zu setzen. Waren die Opfer staatlicher Willkür bisher vor allem auf sich allein gestellt oder auf einen kleinen UnterstützerInnen-Kreis angewiesen, so lassen sich die Auswirkungen dieser Überwachung durch eine solche Form der Herstellung von Öffentlichkeit nicht nur ein Stück weit besser bewältigen, sondern der Vorwurf der Beteiligung bzw. Bildung einer terroristischen Vereinigung wird ad absurdum geführt. Ein solches Blog ist zweitens auch eine probates Mittel der Selbstreflexion, mit den damit verbundenen Zumutungen durch BKA und Generalbundesantwaltschaft umzugehen.

Schlussendlich könnte man dieses Weblog als eine neuartige Protestform analysieren, in einem asymetrischen Konflikt, in dem dem Betroffenen Klandestinität und Illegalität zum Vorwurf gemacht wird, sich nicht nur subjektiv zu behaupten, sondern ein Stück weit auch Gegenmacht zu demonstrieren. Diese Offenlegung persönlicher alltäglicher Handlungen und Details bringt die ganzen Konstruktionen der Verfolgungsbehörden zumindest diskursiv zum implodieren.

Update 20.10. 2007

Till Westermayer über "Asymetrische Öffentlichkeit"
Annalist bei Technorati
Annalist bei Googles Blogsuche
 

New York Dolls: Popkulturelle Antwort auf "Intelligent Desgin"

Eine popkulturelle Antwort auf den zunehmenden Einfluss der Anhänger des sogenannten "Intelligent Design" bieten uns die New York Dolls:




Der Text zum Mitlesen:

"Your design's so intelligent
Ain't no way that was an accident
Come on shake your monkey hips
My pretty little creationist
Oh yeah
Ain't gonna anthropomorphize ya
Or perversely polymorphosize ya
Oh yeah

Little girl you look so sweet
(you got hips like a monkey, hips like a monkey)

You just started ten thousand years ago
Presto, Adam and Eve, but go man go
Abel died, Cain took his life
And headed straight for the jungle to find a wife.
(Wow)

Nonbelievers running out on apes
This monkey time I want to see you shake

Evolution is obsolete
(you gotta dance like a monkey, dance like a monkey, child)
Stomp your hands and clap your feet
(you gotta dance like a monkey, dance like a monkey, child)

Oh one more time, yo
It's monkey time!

Come on pretty baby won't you take a chance
Be my natural selection, dance dance dance
Exorcise your demons with that monkey friend
Because we're gonna inherit the wind

Let them fight it out in the Supreme Court
That's such a mad lame indoor sport
Wave your arms and legs in the air
Rock it like a monkey, like you just don't care

Evolution is so obsolete
Gotta stomp your hands and clap your feet
(you gotta dance like a monkey, dance like a monkey
you gotta dance like a monkey, dance like a monkey...)!"

Utopien und Dystopien - Blick zurück nach vorn

Im Rahmen der interdisziplinären Tagung "Szenarien der Zukunft: Technikvisionen und Gesellschaftsentwürfe im Zeitalter globaler Risiken", 18. u. 19. 10. 2007 an der RTHW Aachen wird der Wissenschaftliche Koordinator des Forschungskollegs Kulturwissenschaftlichen Technikforschung am Donnerstag, 18.10., 12.45 Uhr über das Thema "Utopien und Dystopien – Gradwanderungen Kulturwissenschaftlicher Technikforschung zwischen Apologie und Kulturkritik" refererien und einen Blick zurück nach vorn vorschlagen. Zum Programm.
Ein Weblog mit Informationen und Meinungen rund um Fragen der Kulturwissenschaftlichen Technikforschung

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Roboter im Film
http://www.zeit.de/kultur/ film/2015-04/ex-machina-fi lm-android-roboter
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Trauern in der Online-Version
Prof. Dr. Norbert Fischer über digitale Trauerportale...
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Robo-Bar
https://www.wired.de/colle ction/latest/ausgabe-0215- robo-mit-schuss
amischerikow - 14. Feb, 16:36
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Gerrit Herlyn
Deutungsmuster und Erzählstrategien bei der Bewältigung beruflicher Krisenerfahrungen In: Seifert, Manfred/Götz, Irene/Huber, Birgit (Hg.): Flexible Biographien. Horizonte und Brüche im Arbeitsleben der Gegenwart. Frankfurt u. a. 2007, S. 167-184.








Anika Keinz, Klaus Schönberger und Vera Wolff (Hrsg.)
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