CATaC06 (5): e-Estonia - Mythos und Wirklichkeit (Part II)

Wenn Marju Lauristin in ihrer Keynote den Mythos vom Tigerleap zwar regelrecht dekonstruierte, so muss jetzt doch noch etwas zu sagenhaften estnischen öffentlichen Library Internet-Infrastruktur angemerkt werden. In zahlreichen Restaurants, Gästehäusern (z.B. auch in meinem) gibt es in Tartu allgemein öffentlich zugängliche Wireless Lan-Zugänge. Und das meist ohne Passwort, wie etwa auch im Konferenzgebäude der CATaC 06, in der Universitätsbibliothek (Abb. rechts).
Allerorten sehen wir auf oder vor den Gebäuden diese Hinweisschilder mit der zweisprachigen Aufschrift "Area of Wireless Internet - Traadita Interneti leviala". e-Estonia ist dann nicht mehr nur ein Mythos, sondern ganz materiell existent.

wifi ee

Wilde
Während des Fußballspiels Argentinien - Deutschland im Oscar-Wilde-Irish-Pub (Abb. links) warfen wir das Laptop an und versuchten herauszukriegen, was gerade in Deutschland abgeht. Zudem hatte das estnische Fernsehen die Rauferei nach Ende des Spiels rigoros ausgeblendet, so vermochten wir ein wenig mehr Klarheit über die Geschehnisse erlangen. Ziemlich chic so ein WiFi-Zugang während dem Public Viewing.

CATaC06 (4): The Wiki Revolution

Sehr interessant – gerade auch im Rahmen des Forschungskollegs Kulturwissenschaftliche Technikforschung – war heute Morgen der Beitrag der kanadischen Kollegin Leah P. MacFadyen über die so genannte Wiki-Revolution. Leah P. MacFadyen (University of British Columbia) verwies wie andere RednerInnen ebenfalls auf die Keynote von Marju Lauristin und betonte, sinngemäß, die Notwendigkeit der Veränderung soziokultureller Praxen für das Wirksamwerden des sozialen Potenzials von Technik, in diesem Fall: der Wiki-Technik: „Wikis just as example for Open Content-Technologies.“

Der Titel ihres Vortrags von Leah P. MacFadyen lautete:
„In a world of Text, ist the Author King? The revolutionary potential of Wiki (Open Content) Technologies.” (Im Konferenzband: S. 285-298)

Eingangs ging sie nochmals auf die Rhetorik der Medien- bzw. Internet-Revolutionen ein.

“I argue that in spite of early revolutionary claims, simple Internet connectivity has not brought about an radical break with the values and power structures of modernity, but that to date, the Internet represents, “a technical materialization of modern ideals” (Lévy. Kollektive Intelligenz). I suggest however, that recently emerging Internet-dependent open content and poen source technologies promise to fulfill some of these earlier revolutionary claims by decentralising production of online information, and challenging current definitions of ‚authorative’ knowledge“ (Proceedings, S. 286).

Sie geht von der These aus: „I suggest, then, that regardless of early rhetoric, and until very recentlly, Internet technologies have failed to meet even minimal definitions that woludl constitute them as revolutionary.” (S. 288).

Hinsichtlich der „Wiki-Revolution“ (S. 290 ff.) verhält es sich für sie nicht anders.

Nach der Relativierung der Revolutionserzählungen (Revolution definierte sie in Anlehnung an P.A. Schouls (1998) Kriterien: 1. Radical novelty, 2. Illegality/illegitimacy and 3. promotion of a conception of human freedom).

Zugleich räumte sie mit der Behauptung auf und konstatierte: „Wikis are usually not anarchy.“ Sie basieren sehr wohl auf Regeln bzw. Regelwerk.

Ohne dem Beitrag allzu sehr vorzugreifen, zum Abschluss des Berichts über diesen Beitrag das Summary der Präsentation von Leah P. MacFadyen im Hinblick auf „the revolutionary narrative“. (S. 296 ff.):

- New possibilities for knowldege construction
- New metrics for authority, accuracy and credibility
- Removing control of information from the minority
- Disconntecting Knowldege production form the liberal free market economy

In der Diskussion ging es dann leider doch wieder nur um Wikipedia, obwohl das Spannende der Wiki-Technik doch jenseits von Wikipedia anzusiedeln ist. Bisher gibt es kaum Texte zur alltäglichen Nutzung von Wikis. Ein Bericht über den Einsatz im Seminarbetrieb meiner Kollegin Anneke Wolf findet sich Hamburger Vokus (Nr. 2/2005). In welcher Weise nun die Narrative über die Wiki-Revolution zu beurteilen sind, lässt sich weniger anhand Wikipedia beurteilen, als vielmehr in welcher Weise das Enabling-Potenzial der Wikis in der Praxis tatsächlich genutzt wird. Mein Vorschlag zur Beschreibung und Analyse dieses Zusammenhangs lässt sich ebenfalls in diesem Band nachlesen.

CfP: Interfiction 2006: "Prosumer Culture(s)"

Prosumer oder Produser?

Während ich hier in Tartu in Estland auf der CATaC06-Konferenz weile, flattert mir der CfP der inzwischen traditionsreichen Interfiction in die Mailbox. Das Thema ist "Prosumer Cultures". Das ist insofern ganz witzig, weil ich hier gerade einen Vortrag von Axel Bruns (Queensland University of Technology, Brisbane, Australia) gehört habe, der sich imit dem gleichen Phänomen beschäftigt hat, aber in Abgrenzung von Tofflers Begrifflichkeit den Begriff "Produsage" bzw. "Produser" oder explizit auch für das Deutsche den Begriff "Prodnutzer" vorschlägt. Zur Diskussion um diesen Beitrag komme ich vielleicht noch im Laufe des Nachmittags (Mehr dazu in den Proceedings). Zunächst der Wortlaut des Calls:


interfiction XIII/2006

prosumer culture(s)
DIY-Produktion in einer Arena des Konsums


Call for Papers & Projects

Vom 10.-12. November 2006 findet in Kassel im Rahmen des 23. Dokumentarfilm- und Videofests ein weiteres Mal die interdisziplinaere Workshop-Tagung interfiction statt.

Thema in diesem Jahr:

prosumer culture(s)
DIY-Produktion in einer Arena des Konsum
s

Der Begriff 'prosumer' bezeichnet Personen, die gleichzeitig 'Verbraucher' (engl.: 'consumer') sowie 'Hersteller' (engl.: 'producer') des von ihnen Verwendeten sind. 1980 von dem amerikanischen Schriftsteller und Futurologen Alvin Toffler in seinem Buch "The Third Wave" als Teil einer positiven Utopie für die Technokultur des 21. Jahrhunderts eingefuehrt, scheinen die 'prosumer' mittlerweile tatsaechlich in der Gegenwart angekommen zu sein. Fragt sich nur, wie die Realitaet (in) einer 'prosumer culture' aussieht: Wie funktioniert DIY-Produktion in einer Arena des Konsums?

Dieser und weiteren Fragen rund um das Thema "prosumer culture(s)" will die diesjährige interfiction-Tagung mit
Vorträgen, Präsentationen und Workshops nachgehen.

Das interfiction-Team laedt KuenstlerInnen, TheoretikerInnen, VermittlerInnen, EntwicklerInnen u.a. ein, die Interesse an einem Austausch am Runden Tisch haben und im Rahmen der Workshop-Tagung Thesen und Projekte zum Thema vorstellen wollen, bis 30.07.2006 Vorschlaege fuer Beitraege einzureichen.

Der CFP sowie weiteres Material zum Thema, Basisinfos zur
Workshop-Tagung und die (e-Mail-)Kontaktadresse fuer Einreichungen finden sich hier:


Allgemeine Informationen zu interfiction inklusive Archiv zu den Veranstaltungen 1995-2005


Kasseler Dokumentarfilm- und Videofest:

CATaC06 (3): Das CATaC-Wiki

This wiki offers a place for collaborative thinking and writing by the CATaC community: researchers, thinkers and writers who participate in "Cultural Attitudes to Technology and Communication" conferences.

CATaC06 (2): Proceedings bereits zur Konferenz erschienen

Zu Beginn der Catac 06-Konferenz lag der Konferenzband bereits vor und wurde uns bei der Registration-Prozedur in die Hand gedrückt.

Sudweeks, Fay/Hrachovec, Fay/Ess, Charles (Hg.): Cultural Attitudes towards Technology and Communication 2006. Proceedings of the Fifth international conference on Cultural Attitudes towards Technology and Communication Tartu, Estonia, 28 June-1 July 2006. Murdoch 2006.


Darüber - dass es doch bemerkenswert und durchaus hilfreich sei, dass die Proceedings schon zu Konferenz vorliegen - die Vorträge lassen sich zeitnah nachlesen und die AutorInnen sind noch verfügbar für eine Diskussion oder Unterhaltung - unterhielt ich mich zu Beginn der Konferenz mit Herbert Hrachovec, Program Chair der CATaC06 und Mitherausgeber der "Proceedings".

Er bezeichnete diese Entwicklung als zumindest ambivalent. Immerhin sei mit dem Erscheinen der Proceeddings die Konferenz tatsächlich abgeschlossen. Umfangreiche - inhaltliche - Nacharbeiten würden sich erledigen. Im angelsächsischen Sprachraum setze sich diese Tendenz immer mehr durch. Es würden keine Sammelbände mehr veröffentlicht, sondern eben "Proceedings". Schließlich würden auf diese Weise die Verlage umgangen. Finanziert werde das Ganze nunmehr durch die Konferenzbeiträge der Teilnehmer.
Im Hinblich auf die inhaltlich Verantwortung gehe zudem die Bedeutung der Herausgeber zurück, weil die Auswahl nunmehr bei den Programm Chairs bzw. der Reviewer liege. Nun kann man gespannt sein, ob sich so eine Tendenz auch im deutschsprachigen Kontext durchsetzen wird.

(Derzeit gibt es noch keinen Online-Hinweis auf den Band, wird sobald vorhanden, nachgereicht)

"The paper in this volume represent Catac06 conference. The conference „seek to bring together, in an interdisciplinary dialogue, current insights on how diverse cultural attitudes shape the implementation and use of information and communication technologies (ICTs).“ (Preface)


Der Band umfasst stolze 710 Seiten (verfaßt von insgesamt 100 AutorInnen) und bildet die gesamte Konferenz ab. Die einzelnen Kapitel beschäftigen sich mit folgenden Themen:

Cultural Diversity,
Technology and Informations Transfer,
Politics, Media and Technologies,
Educational Design,
Collaborative Web Environments,
Status, Meaning and Mediation,
Indigenous and Minority Languages,
Mediated Prescence,
Culture and the Online Classroom,
Gender and Identity,
Knowledge and Culture Sharing,
Youth and Mobile Technologies,
Ethics, Justice and Social Change
and last but not least: „Lost in Translation“.

Mal sehen, ob hier die Zeit langt, den einen oder anderen Beitrag noch zu kommentieren.

CATaC 06: Marju Lauristin über e-Estonia „Tiger turn to be a frog“

Gestern begann die internationale CATAC 06 an der Universität Tartu (Estland).

Keynote Speakerin war die "große estnische Sozialde-
mokratin
" Marju Lauristin ("Grand Old Lady der estnischen Politik"):

„From Post-Communism to E-Society: Mythologies and Realities“

Tigerleap

„In my presentation I shall give an insight into Estionia experience of post-Soviet transformation from the perspective of the role of ICTG in the formation of new national aspirations, self-perceptions and opportunities for People“.

Das war einmal eine ansprechende Eröffnung der CATAC-06-Konferenz. Keynote-Speakter Marju Lauristin („Professor Emeritus of Communication at Tartu University“) gelang in einer sehr ansprechenden Form ein durchaus programmatischer Wurf.

Anhand dem Beispiel Estlands entwickelte sie ihr Verständnis des Informatisierungsprozesses und seiner gesellschaftlichen Implikationen. [Eingangs betonte sie, dass auch in ihrer Universität die Mikrostudien sehr populär seien, sie ungeachtet dessen, in ihrem Beitrag eher die Makroperspektive einnehmen wolle.] Leider ist gerade dieser Beitrag nicht in dem umfangreichen Konferenz-Reader enthalten.

Marju Lauristin erinnerte zunächst an die Zeit der Sowjetunion, in der beispielsweise Daniel Bells Buch über die postindustrielle Gesellschaft (Die nachindustrielle Gesellschaft. Reinbek bei Hamburg 1979) nur im Giftschrank in einer Moskauer Bibliothek einsehbar war. Sie betonte die notwendig formalen Voraussetzungen und bürokratischen Hindernisse für sowjetische Forscher um ein Buch wie das von Bell einsehen zu können. Es kam auf den Vorwand an. In ihrem Fall musste die Forschung die Kritik des bürgerlichen Denkens zum Ziel haben. Noch interessanter allerdings war ihre Begründung, warum jemand wie Daniel Bell in der SU ein „forbidden author“ gewesen sei. Der Technikdeterminismus der marxistisch-lenistischen Ideologie war nämlich dem von Bell entgegengesetzt. Man glaubte damals in der SU, dass Technik bzw. Ihre Nutzung die Gesellschaft nicht verändern werde bzw. Keine Auswirkungen auf die Gesellschaft nach sich ziehen würde. Bei Daniel Bell war es genau andersherum. Er glaubt an die grundlegenden gesellschaftlichen Implikationen von Technik.

Das eigentliche Thema ihres Plenumsvortrages zielte aber auf die gesellschaftliche Entwicklung Estlands und die Rolle von ICT. Zunächst beschrieb sie die Rahmenbedingungen wie die „Ideologoy of Transition“ oder der „catch-up-the-West“-Diskurs, die überaus kompatibel zu den europäischen Diskursen über die „Informationsgesellschaft“ gewesen seien. Eine überaus „success-centered transition culture“ , eine Orientierung „according to standardized international indicators“, der Diskurs über „winners and looser“ sowie die Anschlussfähigkeit des Informationsgesellschafts-Diskurses „as an opportunity to make a shortcut to success“ gehörten zu den Rahmenbedingungen der Herausbildung von „e-Estonia“. In diesem Zusammenhang spricht sie von der „Mythology of 'e-Tigerleap'“.

Im Zusammenhang mit den Mythen über e-Estonia stellt sie fest, dass es in der Tat eine vergleichsweise gut ausgebildete ICT-Infrastruktur gebe, dass aber hinsichtlich ihrer Nutzung relativ unterentwickelte Praxen zu verzeichnen sind (Im Hinblick auf das berühmte „Empowerment of Groups“ fragte sie unter anderem: „What can do the groups with the new power?“)

Ein ebenfalls interessanter Aspekt war ihr Hinweis auf die Verknüpfung der sozialen Selbstwahrnehmung mit ihrer Internetnutzung. Tatsächlich fühlen sich multifunktional nutzende Internetnutzer in Estland weit mehr sozial herausgehoben, als andere: „It's not access, it's what you do.“ Offenbar korrelieren nicht mehr der reine Zugang („access is universal“) und Statusgefühl. Das entspricht zugleich der momentan sich allgemein vollziehenden Umorientierung der internationalen „Digital Divide“-Forschung weg von einer Perspektive auf den bloßen Zugang, hin zu einem Focus in Bezug auf die unterschiedlichen Art und Weisen das Internet zu nutzen.

Am Beispiel von Schule und Politik, die in Estland jeweils „well ICT-advanced“ unterstreicht sie gleichermaßen jene schon länger bestehende Erkenntnis, dass die Potenziale von Technik erst zur Entfaltung kommen können, wenn sie mit "organisational changement and social innovation" einhergehen. Im Falle Estlands bestehe aber das Problem, dass hierzu keine Wille bestehe. Nun sehen wir, dass Estlands zwar erfolgreich war, die technische Infrastruktur einzurichten, dass sie aber nicht wirklich bespielt werden kann. Im Anschluss an die Beschreibung der Diskurse und der Rahmenbedingungen verwies sie darauf, wie schließlich der „Tiger turn to be a frog“. Die Quintessenz ihrer Analyse lieferte wiederum der Technikdeterminist Daniel Bell (1973), der immerhin vor über dreißig Jahren betonte, dass die Probleme der post-industriellen Gesellschaft nicht in der Technik begründet seien, sondern politisch sind.
Ein Weblog mit Informationen und Meinungen rund um Fragen der Kulturwissenschaftlichen Technikforschung

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Gerrit Herlyn
Deutungsmuster und Erzählstrategien bei der Bewältigung beruflicher Krisenerfahrungen In: Seifert, Manfred/Götz, Irene/Huber, Birgit (Hg.): Flexible Biographien. Horizonte und Brüche im Arbeitsleben der Gegenwart. Frankfurt u. a. 2007, S. 167-184.




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