Die Rolltreppe: Kulturwissenschaftliche Studien zu einem mechanisch erschlossenen Zwischenraum

Andrea Mihm, seit Mai 2006 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Forschungskolleg Kulturwissenschaftliche Technikforschung, hat nun ihre 2005 an der Universität Marburg angenommene Dissertation „Die Rolltreppe. Kulturwissenschaftliche Studien zu einem mechanisch erschlossenen Zwischenraum online publiziert.

Eine gekürzte Fassung der Arbeit wird Anfang nächsten Jahres im Jonas-Verlag in Buchform erscheinen. Hier eine kurze Zusammenfassung:


Kurzbeschreibung

„Luftzüge, Erdzüge, Untererdzüge, Rohrpostmenschensendungen, Kraftwagenketten rasen horizontal, Schnellaufzüge pumpen vertikal Menschenmassen von einer Verkehrsebene in die andre [...]“


Mit diesen Worten beschreibt Robert Musil in seinem Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ was eine unter dem Zeichen von Modernität und Fortschritt verstandene Lebenswelt am Beginn des 20. Jahrhunderts charakterisiert: ein Räderwerk aus Menschenmassen, Verkehr, Geschwindigkeit und Technik. Als Vehikel des städtischen Pulses benennt Musil Straßen- und Untergrundbahnen, das Automobil sowie den Fahrstuhl. Ein Transportmittel findet indes keine Erwähnung: die Rolltreppe. Dabei ließe sich diese sehr gut in den Kanon aus Bewegungsapparaturen einreihen. Schließlich gehört auch sie bereits zur modernen Einzelhandels- und Verkehrsarchitektur dazu und prägt zusehends das Bild der Stadt.

Als Produkt amerikanischen und europäischen Erfindergeistes bahnt sich die Rolltreppe um die Jahrhundertwende zunächst ihren Weg in die Metropolen: New York, Chicago, Berlin, Paris, London sind ihre ersten Einsatzorte. An den Knotenpunkten des städtischen Flusses verbindet sie verschiedene Verkehrsmittel und -ebenen miteinander. Dabei erweckt das damals als „Schräg-“ oder „Treppenaufzug“ bezeichnete Transportmittel anfänglich noch großes Staunen und wird als faszinierende, aber auch ängstigende Erfindung vom Menschen wahrgenommen. Doch was zunächst noch bewundernd, teilweise auch misstrauisch in Augenschein genommen wird, ist in unseren Tagen längst selbstverständlich geworden. Dem industriellen Fließband entlehnt, transportieren Rolltreppen bisweilen tagtäglich Millionen Menschen – hinauf und hinab, auf ihrem Weg zur Arbeit, zum Einkauf oder auf Reisen. Um so erstaunlicher ist es, dass die Rolltreppe als fester und unhinterfragter Bestandteil unseres Alltagslebens erst jetzt Gegenstand einer historisch-kulturwissenschaftlichen Betrachtung geworden ist.

Die Arbeit erkundet die Rolltreppe mit all ihren Widersprüchen, Eigentümlichkeiten und Ambivalenzen. Sie schließt so eine Lücke im Wissen über die jüngere Geschichte der menschlichen Mobilität, über den menschlichen Alltag und seine verkehrstechnische Ausstattung. Dabei ist die Rolltreppe als eigentümlicher Zwischenraum, als „Nicht-Ort“ im Sinne von Marc Augé beschrieben, der sowohl technisches Artefakt als auch kultureller und sozialer Raum ist. Also nicht nur das technische Ding, die Rolltreppe und ihre spezifischen Umgebungen sind behandelt, sondern auch die Aneignung und Nutzung durch den Menschen: spezifische Bewegungsabläufe, Attitüden, Bewertungen, Konventionen, Rituale und Symbole. Im Mittelpunkt der Analyse steht die Symbiose zwischen Mensch und Technik.

Die Arbeit gliedert sich in zwei Teile, von denen der erste den Gegenstand in historischer, sprachlicher und technischer Hinsicht näher bringt. Die Geschichte der Rolltreppe ist hierin erstmals geschrieben, die Entwicklung ihrer Bezeichnungen und ihres Erscheinungsbildes unter die Lupe genommen. Der zweite Teil spannt einen kulturanalytischen Bogen – angefangen von der Einordnung des Transportmittels in zivilisatorische Gesamtzusammenhänge (Stadt und Verkehr, Menschenmassen, Automation der Fortbewegung), über Themen der Aneignung (die Anpassung und Gewöhnung an das Gerät, die Fahrt als modernes Übergangsritual, die zwanghafte Richtungsweisung, ausgesprochene und unausgesprochene Regeln, der Blick des Rolltreppenfahrers, Piktogramme als Verhaltensanweisungen), bis hin zur Erkundung von Unplanmäßigkeiten und ihren Folgen (die Fahrtreppe als Gefahrenquelle, der Rolltreppenunfall).

Der Leser erfährt unter anderem wie der Mensch bei der Einführung erster Anlagen trickreich an das Gerät herangeführt wurde - etwa indem ihm am Ende einer ersten Fahrt Riechsalz oder Cognac überreicht wurde. Womöglich sieht er sich auch konfrontiert mit eigenen Rolltreppenerlebnissen, die längst ins Vergessen geraten sind: etwa den vielfältigen Möglichkeiten, die die Transitphase bietet – Kontemplation, Selbstvergessenheit, Trancezustände, Begegnungen mit anderen Menschen, Blicke und Augenblicke mit Initialzündung. Daneben kommen aber auch repressive Eigenschaften der Rolltreppe zur Sprache, das Zwanghafte – die starre Richtungslenkung, die im Falle eines Unfalls plötzlich zutage tretende Macht des Transportapparates, die rolltreppenspezifischen Piktogramme, die unter anderem der Codierung und Verdichtung von Gefahrenhinweisen dienen.

Die sehr facettenreiche Themenbetrachtung basiert auf verschiedenen methodischen Zugriffen. Wortbetrachtungen, Interpretationen, Deutungen und Reflexionen zählen hierzu ebenso wie Beobachtungen vor Ort – in Warenhäusern und Unterführungen, auf Bahnhöfen und Flughäfen. Ebenso vielfältig wie die behandelten Themen sind auch die verwendeten Quellen. Sie umfassen unter anderem die in Berlin gesammelten Karteikarten des berühmten Technikforschers Feldhaus, Patent- und Firmenschriften, DIN-Normen, Ingenieursliteratur, Unfallberichte und belletristische Texte: Romane, Gedichte, Lied- und Feuilletontexte. Auch Bildquellen, die weit mehr sind als illustratives Beiwerk, sind in die Bearbeitung eingeflossen: Fotografien, technische Zeichnungen und Karikaturen.


Mihm, Andrea: Die Rolltreppe. Kulturwissenschaftliche Studien zu einem mechanisch erschlossenen Zwischenraum. Dissertation am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften und Philosophie, Universität Marburg. Marburg 2005. Online-Publikation:
//archiv.ub.uni-marburg.de/diss/z2007/0061/ (Stand 15.02. 2007)

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