Stadtsoziologen-Verhaftung: Internationaler Druck auf bundesdeutsche Ermittlungsbehörden

Offener Brief an die Generalbundesanwaltschaft
Bündnis für die Einstellung des § 129a-Verfahrens, 15.08.2007


Bündnis für die Einstellung des § 129a-Verfahrens
c/o Haus der Demokratie und Menschenrechte e.V.
Greifswalder Straße 4
D-10405 Berlin
Deutschland
einstellung [at] so36.net


Hier kann man einen Offenen Brief an die Generalbundesanwältin unterschreiben (einfach auf unterstützen klicken. Anm. A.W.)

Presseerklärung, 15. August 2007

Internationaler Wissenschaftler-Kreis sieht in Deutschland die Freiheit der Wissenschaft in Gefahr und fordert die "sofortige Einstellung des 129a-Verfahrens", und die "umgehende Freilassung der Inhaftierten". Vgl. auch den Artikel aus der Frankfurter Rundschau (16.8. 2007), woraus hervorgeht, dass es offenbar noch mehr Verhaftete anläßlich dieses Verfahren gibt, denen mit der gleichen fadenscheinigen Begründung ihre wissenschaftliche Befähigung als Begründung für die Verhaftung vorgehalten wird.

Deutschland in der Kritik

Nach zahlreichen Protesten in Deutschland fordern jetzt namhafte Wissenschaftler aus dem Ausland die sofortige Einstellung des 129a-Verfahrens, das derzeit die Bundesanwaltschaft (BAW) führt. Unter Anführung der intellektuellen Fähigkeiten und des Zugangs zu wissenschaftlichen Bibliotheken werden in diesem Verfahren mehrere deutsche Wissenschaftler verdächtigt, einer "terroristischen Vereinigung" anzugehören, der "militanten gruppe". Insgesamt sind sieben Personen betroffen, von denen sich vier in Haft befinden, darunter auch der Soziologe Dr. Andrej Holm.

Internationale Empörung

Das Vorgehen der BAW hat mittlerweile zu einer Welle der Entrüstung geführt. Auf der Jahrestagung der American Sociology Association (Vereinigung der US-amerikanischen Soziologen, vgl. http://www.asanet.org/), wo seit Samstag rund 4.000 Sozialwissenschaftler in New York tagen, wird der Fall in mehreren Veranstaltungen diskutiert, kursieren Petitionen, insbesondere Stadtsoziologen zeigen sich sehr besorgt über die deutsche Entwicklung. In einer an die Bundesanwaltschaft gerichteten Resolution heißt es unter anderem:

»We demand that the Federal Prosecutor (Bundesanwaltschaft) immediately suspend the § 129a-proceedings against all parties concerned and release Andrej Holm and the other imprisoned from jail at once. We strongly reject the outrageous accusation that the academic research activities and the political engagement of Andrej Holm are to be viewed as complicity in an alleged "terrorist association". No arrest warrant can be deduced from the academic research and political work of Andrej Holm. The Federal Prosecutor, through applying Article § 129a, is threatening the freedom of research and teaching as well as social-political engagement.«

In deutscher Übersetzung:

»Wir fordern die Bundesanwaltschaft auf, umgehend das § 129a-Verfahren gegen alle Beteiligten einzustellen und Andrej Holm sowie die anderen Inhaftierten sofort aus der Haft zu entlassen. Wir verwahren uns aufs Schärfste gegen den unerhörten Vorwurf, die wissenschaftliche Tätigkeit und das politische Engagement von Andrej Holm sei als intellektuelle Mittäterschaft in einer angeblichen "terroristischen Vereinigung" zu bewerten. Aus der wissenschaftlichen und politischen Arbeit von Andrej Holm lässt sich kein Haftbefehl herleiten - vielmehr wird hier von der Bundesanwaltschaft mit dem § 129a die Freiheit von Forschung und Lehre ebenso bedroht wie gesellschaftspolitisches Engagement.«

Zu den Begründungen, die für die Konstruktion der Bundesanwaltschaft (BAW) herangezogen werden, gehört die, dass sich unter den sieben drei Sozialwissenschaftler befänden, die intellektuell in der Lage seien, "die anspruchsvollen Texte der 'militanten gruppe' zu verfassen." Dem promovierten Politologen Dr. Matthias B. stünden "als Mitarbeiter eines Forschungsinstituts Bibliotheken zur Verfügung, die er unauffällig nutzen kann, um die zur Erstellung der Texte der 'militanten gruppe' erforderlichen Recherchen durchzuführen". Dem mit drei anderen Gefangenen inhaftierten Soziologen Dr. Andrej Holm wird vorgeworfen, er sei "in dem von der linksextremistischen Szene inszenierten Widerstand gegen den Weltwirtschaftsgipfel 2007 in Heiligendamm aktiv" gewesen und habe sich mit einem der Inhaftierten "konspirativ" getroffen. Einer der Beschuldigten gilt der BAW deshalb als "Terrorist", weil bei ihm eine Adressenliste gefunden wurde, auf der unter anderem der Name von Dr. Andrej Holm auftaucht.

Sie finden im Anhang die Erklärung (in deutscher und englischer Sprache), die von namhaften Sozialwissenschaftlern an die Generalbundesanwaltschaft als offener Brief versandt wurde:

* deutsch
* englisch

Zu den Erstunterzeichnern gehören:

Prof. Dr. Manuel Aalbers (Universiteit van Amsterdam), Prof. Dr. Elmar Altvater (Freie Universität Berlin), Prof. Dr. Rowland Atkinson (University of Tasmania, Australien), Prof. Dr. Lawrence D. Berg (Canada Research Chair in Human Rights, Diversity & Identity, University of British Columbia), Prof. Dr. Neil Brenner (New York University, Sociology), Prof. Dr. Craig Calhoun (President, Social Science Research Council, and University Professor, Sociology, NYU), Prof. Dr. Mike Davis (Prof. of Urban History, Irvine/USA), Prof. Dr. Michael Dear (Professor of Geography at the University of Southern California/Los Angeles), Prof. Dr. Frank Deppe (Universität Bremen), Prof. Dr. Michael Edwards (The Bartlett Centre for Architecture and Planning, UCL, London), Prof. Dr. Geoff Ely (University of Michigan, Karl Pohrt Distinguished University Professor), Prof. Dr. John Friedmann (University of California, Los Angeles), Prof. Dr. Herbert Gans (Columbia University, New York), Prof. Dr. Alan Harding (University of Salford, UK), Prof. Dr. Michael Harloe (University of Salford, Vice-President), Prof. Dr. David Harvey (Distinguished Professor of Anthropology, Graduate Center of the City University of New York, New York), Prof. Dr. Joachim Hirsch (Johann Wolfgang Goethe-Universität, Frankfurt/M.), Prof. Dr. Andreas Huyssen (Villard Professor of German and Comparative Literature at Columbia University), Prof. Dr. Martin Jay (Sidney Hellman Ehrman Professor of History, University of California Berkeley), Prof. Dr. Bob Jessop (Lancaster Universtiy), Prof. Dr. Roger Keil (York University, Toronto, Canada), Prof. Dr. Rianne Mahon (Carleton University, Ottawa, Canada), Prof. Dr. Peter Marcuse (Columbia University, New York), Prof. Dr. Margit Mayer (Freie Universität Berlin), Prof. Dr. Philipp Oswalt (Universität Kassel), Prof. Dr. Frances Fox Piven (President of the American Sociological Association, Distinguished Professor of Political Science and Sociology, City University New York), Prof. Dr. Andrew Ross (New York University, New York), Prof. Dr. Roland Roth (Hochschule Magdeburg/Stendal), Prof. Dr. Dieter Rucht (Wissenschaftszentrum für Sozialforschung Berlin) Prof. Dr. Saskia Sassen (Columbia University, New York, and London School of Economics) Prof. Dr. Andrew Sayer (Lancaster University, Sociology), Prof. Dr. Richard Sennett (Professor of Sociology at the London School of Economics, Bemis Professor of Social Sciences at MIT, Professor of the Humanities at New York University), Prof. Dr. William Sewell (The Frank P. Hixon Distinguished Service Professor of Political Science and History Emeritus, University of Chicago), Prof. Dr. Neil Smith (Distinguished Professor of Anthropology and Geography, Director of the Center for Place Culture and Politics, Graduate Center of the City University of New York), Prof. Dr. Michael Storper (Centennial Professor of Economic Geography, London School of Economics, and Professor of Economic Sociology, Science Po, Paris), Prof. Dr. Erik Swyngedouw (University of Manchester, UK), , Prof. Dr. Peter J. Taylor (Loughborough University, UK), Prof. Dr. John Urry (Lancaster University, Sociology), Prof. Dr. Jennifer Wolch (Professor of Geography at the University of Southern California/Los Angeles).



Für weitere Informationen stehen Ihnen in New York Prof. Dr. Neil Brenner (Tel.: USA-212-998 8349), in Berlin Prof. Dr. Margit Mayer (Tel.: 030-8385 2875) und der Rechtsanwalt Wolfgang Kaleck (Tel.: 030-4467 9218) zur Verfügung.

Bündnis für die Einstellung des § 129a-Verfahrens, 15.08.2007

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